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Written by Gil Yaron   
Tuesday, 08 December 2009
Der Tempelberg als Pulverfass

Das acht Meter tiefe und ein Meter breite Loch auf dem ausgedörrten Hügel ist unspektakulär. Aber Jonathan Zadok ist überzeugt, dass er hier dem Weltfrieden den Weg bereitet. Die israelische Siedlung Mitzpeh Jericho liegt rund 15 Kilometer Luftlinie vom Tempelberg in Jerusalem entfernt, eine grüne Oase inmitten sandgelber Berge der Wüste Judäas. Vor diesem biblischen Bühnenbild will das „Zentrum für Tempelstudien“ ein lebensgroßes Modell des jüdischen Tempels errichten. „Hier werden wir eine neue Generation von Priestern für den Tempeldienst ausbilden“, sagt Zadok.

Kaum ein Gebäude ist mit so vielen Mythen behaftet wie der jüdische Tempel, der bis vor 2000 Jahren auf dem Berg Moriah in Jerusalem stand. Der biblische König Salomon soll hier rund 900 v. Chr. den ersten Tempel errichtet haben, der vierhundert Jahre später zerstört wurde. Wenige Jahrzehnte später wurde ein zweiter Tempel errichtet, der rund 500 Jahre stand. Auch zweitausend Jahre nach seiner Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. hat der Gebäudekomplex, in dem anfangs die Bundeslade aufbewahrt wurde und später Jesus predigte und mit Geldwechslern stritt, nichts von seiner mystischen Anziehungskraft verloren. Juden gilt der Standort des Tempels als heiligster Ort auf Erden. Seit zweitausend Jahren beten Juden für einen Wiederaufbau dieses Heiligtums. Jetzt wollen immer mehr Gruppen religiöser und manchmal auch fanatischer Juden nicht mehr warten.

Bei den Muslimen weckt das alte Ängste. Exakt an der Stelle, über der der neue Tempel entstehen soll, erhebt sich heute der Felsendom, der älteste islamische Sakralbau der Welt. Ein wenig südlich steht die al-Aqsa, die drittheiligste Moschee des Islams. Der Felsen, den die Juden als Schnittstelle zwischen Himmel und Erde verehren, gilt Muslimen als der Ort, von dem Prophet Muhammad in den Himmel aufstieg und wo eines Tages das jüngste Gericht abgehalten werden wird. „Al-Aqsa ist in Gefahr!“ lautet seit rund 90 Jahren der Schlachtruf, mit dem palästinensische Führer Volksmassen und Muslime weltweit mobilisieren. Der israelische Geheimdienst warnt vor einem Krieg in Nahost, falls der Felsendom oder die Al-Aqsa Moschee beschädigt würden.

Zadok versteht das nicht: „Die Araber haben von mir nichts zu befürchten. Ich bete ja nicht einmal auf dem Tempelberg.“ Es gelte lediglich, den Gottesdienst im Tempel vorzubereiten. „Wenn morgen der Tempel errichtet wird, wüsste ja niemand, was zu tun ist.“ Vor zweitausend Jahren benötigten König Herodes und seine rund 10.000 Bauarbeiter etwa anderthalb Jahre, um den Tempel zu errichten. Verglichen dazu muten die Anstrengungen des 45 Jahre alten Metzgers und seiner zehn Sinnesgenossen freilich noch dilettantisch an. Wo eines Tages ein fünf Meter hoher Altar stehen soll, befindet sich vorerst nur ein Viereck aus Kreide, das der Wind langsam verweht. In einer feierlichen Zeremonie bohrten die Tempelgläubigen vor wenigen Monaten das acht Meter tiefe Loch, das später Blut von Tieropfern aufnehmen soll. Nach Monaten Arbeit deutet nichts darauf hin, dass hier eines Tages ein Modell eines der berühmtesten Bauwerke der Antike den ganzen Hügel bedecken soll. Doch Zadok stört sich nicht daran: „Zeitpläne sind Gottes Sache.“ Er setzt auf massive Unterstützung aus dem Volk, schließlich befürworten laut Umfragen 64% der Israelis einen Wiederaufbau des Tempels. Zadok ist überzeugt: „Es wird nicht unsere Aufgabe allein bleiben. Wenn alle mitmachen, wird das Tempelmodell bald fertig.“

Zadoks Projekt mag träumerisch wirken, im Tempelinstitut in der Altstadt Jerusalems nimmt der Tempelkult hingegen konkrete Formen an. Unweit des unscheinbaren Eingangs des Instituts steht eine 43 Kilogramm schwere Nachbildung des siebenarmigen Leuchters aus Massivgold. Auch in den Kellerräumen des Instituts, das gleichzeitig als Museum fungiert, wird nicht gespart. „Alles hier ist absolut echt und sofort zum Einsatz bereit“, versichert Jitzchak Reuveni, einer der Direktoren. Besuchergruppen besichtigen mit staunend geöffnetem Mund Utensilien aus Gold und Silber. In einem Schaufenster trägt eine Puppe das biblische Gewand des Hohepriesters, gegenüber glitzern zwei silberne Trompeten, im Raum daneben funkelt der vergoldete Schaubrottisch. Die Ölgemälde an den weiß gekalkten Wänden stellen den Tempelkult dar. „Solange wir den Tempel selbst nicht bauen, stellen wir die notwendigen Geräte für den Tempelgottesdienst her. Damit verfolgen wir drei Ziele: Wir zeigen, dass es möglich ist, wir vervollständigen unser Wissen und bilden uns fort“, sagt Reuveni.

Dem gebürtigen Amerikaner ist klar: „Der einzige Grund in Israel zu leben ist den Tempel wieder aufzubauen. Er symbolisiert die Verbindung zwischen Himmel und Erde.“ Der Tempel sei ein zentraler Aspekt jüdischen Glaubens: „Von den 613 Geboten sind 205 an den Tempeldienst gebunden.“ Tieropfer waren dabei ein Hauptbestandteil. Die Bibel beschreibt, wie König Salomo in zwei Wochen 22000 Rinder und 120000 Schafe opfern ließ. Reuveni stört das nicht: „Der Geruch der Opfer soll ein wunderbarer Duft gewesen sein. Man kann nicht alles verstehen. Das Judentum muss nicht begriffen, sondern erfahren werden“, sagt Reuveni.

Immer wieder betont Reuveni seine friedlichen Absichten. Zwar sei es „ein Gebot Gottes, den Tempel zu bauen.“ Trotzdem könne er nur „wieder errichtet werden, wenn die geopolitische Lage das auch ermöglicht. Grundlegende Anständigkeit und Menschlichkeit sind wichtiger als der Tempelkult.“ Die Araber hätten nichts zu befürchten, schließlich „dürften ja auch sie, wie alle Völker der Welt, im Tempel beten“. Beruhigend fügt er hinzu: „Wir sind alle Kinder Abrahams, wir müssen einen Weg finden, um zusammenzuleben.“

Trotzdem misst Reuveni dem Tempel besondere Bedeutung zu: „Wer den Tempelberg kontrolliert, beherrscht Jerusalem; wer Jerusalem beherrscht, beherrscht das ganze Land.“ Diese Einschätzung teilen Extremisten auf beiden Seiten. Immer mehr jüdische Gruppen fordern die israelische Regierung dazu auf, mehr Macht auf dem Tempelberg auszuüben. Heute wird das Areal von der muslimischen Glaubensstiftung, dem Waqf, verwaltet. Er verbietet Juden das Beten vor Ort. Die israelische Polizei setzt diese Politik aus Angst vor Unruhen entschlossen durch. Touristengruppen kommen ungehindert auf den Berg, religiöse Juden werden penibel durchsucht, religiöse Utensilien vor Betreten des heiligen Ortes beschlagnahmt. Ein Polizist begleitet jeden religiösen Juden auf den Berg und setzt ihn sofort außen vor, falls dieser Anstalten macht, ein Gebet zu sprechen. Viele Religiöse sind deswegen dazu übergegangen, heimlich zu beten. „Ich murmel das Gebet nur, ohne meine Lippen zu bewegen. Anstatt mich zu verbeugen, halte ich eine Kamera und bücke mich, als mache ich ein Foto“, sagte ein Tempeltreuer unserer Zeitung.

Eine Vielzahl von Organisationen will diesen Zustand verändern. Vor einem Monat trafen sich ihre Vertreter in Jerusalem und riefen Israelis dazu auf, zu tausenden auf den Tempelberg zu strömen. Zahlreiche untereinander zerstrittene militante Organisationen fordern von der Regierung, den Tempelberg von der Präsenz des Islams zu „säubern“. Die lauten Proteste dieser Art nähren die Angst der Araber vor einem israelischen Angriff auf „ihren“ Haram asch-Scharif, wie der Tempelberg auf Arabisch genannt wird.

Der israelische Geheimdienst nimmt diese Gruppen ernst, fürchten tut er sie kaum. Die „jüdische Abteilung“ kennt jeden Aktivisten, die meisten Gruppen wurden von Spitzeln unterwandert. „Wir sorgen uns um den unbekannten Einzeltäter von außen, der sich eines Tages auf den Ölberg stellt und eine Rakete auf den Felsendom schießt“, sagt A., Chef der jüdischen Abteilung. Seit der israelischen Machtübernahme 1967 wurden fünf ernst zu nehmende Versuche aufgedeckt, die Moscheen auf dem Tempelberg zu sprengen. Drei von ihnen gingen von geistig gestörten Individuen aus, zwei von Männern, die den Nahen Osten vorsätzlich in einen Krieg stürzen wollten. Die gut sichtbaren Gruppen heizen auf beiden Seiten die Atmosphäre ständig an. Es seien aber die unvorhersehbaren Taten Einzelner, die die wirkliche Gefahr darstellten, warnte unlängst Geheimdienstchef Juval Diskin.

© 2009 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable

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