Präsident Baschar Assad setzt auf mehr Gewalt. Seitdem die Beobachtermission der Arabischen Liga vergangene Woche unverrichteter Dinge aus Syrien abzog, hat der Diktator seine Gangart verschärft. Seit einer Woche sterben täglich rund 100 Menschen in Zusammenstößen zwischen regimetreuen Milizen und Soldaten auf der einen und bewaffneten Deserteuren und Demonstranten auf der anderen Seite. Nach zwei Tagen blutiger Kämpfe konnte die Armee einen wichtigen Erfolg für sich verbuchen und die Vororte der Hauptstadt wieder zurückerobern. Dennoch scheint es ein Pyrrhussieg zu sein: Galt Damaskus bisher als Insel der Ruhe im See der Aufstände, die das Land seit März 2011 erschüttern, kann Assad nun niemand mehr eine heile Welt vorgaukeln. In den Straßen der Innenstadt sind Soldaten postiert, nur zwanzig Minuten Autofahrt vom Zentrum, kann von Normalität keine Rede mehr sein. Allnächtliche Demonstrationen und Schusswechsel erlahmen die Wirtschaft, Checkpoints – mal der aufständischen „Freien Syrischen Armee“ (FSA), mal der Sicherheitskräfte – bestimmen das Straßenbild. Trotz des kurzfristigen Sieges hat die Rebellion die Schaltzentrale des Regimes erfasst.
Optimistisch erklärte die FSA die Eroberung der Vororte Damaskus zum „taktischen Rückzug“. Colonel Rifat Asaad, Kommandant der FSA, frohlockte: „Die Moral von Assads Truppen bricht zusammen.“ Asaad ist mit dieser Einschätzung nicht allein: „Assads Sturz ist unabwendbar“, sagte Jim Carney, der Sprecher des Weißen Hauses. Der türkische Präsident Abdullah Gül, ehemals ein enger Verbündeter Assads, meinte: „Es tut uns leid, aber Syrien befindet sich inmitten einer unabwendbaren Entwicklung. Das Ende ist klar. Jetzt kommt es nur noch darauf an, wie lange es dauert und wie viel Schmerz dabei verursacht wird.“
Der Schmerz, von dem Gül spricht, könnte sich nicht bloß auf das Leid der syrischen Zivilbevölkerung beziehen: Ein Sturz Assads hätte schwere Folgen für die Region und weit darüber hinaus. Syriens letzte Verbündete – Iran, Russland und die libanesische Hisbollahmiliz – verfolgen die Entwicklungen mit großer Sorge. Damaskus ist Teherans wichtigster arabischer Bundesgenosse. Das Mullahregime investierte in den vergangenen Jahrzehnten Milliarden in Assad, und machte ihn zum Gegengewicht pro-westlicher Regime. Damaskus wurde zum Drehkreuz, von dem aus Teheran Verbündete wie die Hisbollah oder die Hamas mit Geld, Waffen und diplomatischem Rückhalt versorgte. Der Sturz Assad wäre ein empfindlicher Rückschlag für Iran, das Syrien weiter tatkräftig mit Geld, Waffen, und scheinbar sogar Truppen stützt.
Für die Russen erfüllt Assad zwei wichtige Funktionen. Er verpachtet ihnen Tartus als Marinestützpunkt. Heute ist Tartus nicht bloß der letzte Mittelmeerstützpunkt Russlands, sondern auch der einzige Hafen, der im Winter nicht zufriert oder dessen Zugang zu den Weltmeeren von einer anderen Nation beherrscht wird. Ohne Tartus verlöre Moskau den Status einer Großmacht. Zudem ist Syrien nach dem arabischen Frühling einer der letzten großen Märkte der russischen Waffenindustrie, einem der wichtigsten Arbeitgeber im Land. Kein Wunder also, dass Moskau Assad weiterhin diplomatische Rückendeckung gibt.
Auch Syriens Nachbarn Libanon, Jordanien und Irak schauen mit Sorge über die Grenze. Jedes Chaos könnte zu ihnen herüberschwappen: Instabilität könnte Libanon in einen neuen Bürgerkrieg stürzen, Revolten im Irak auslösen oder den Thron des jordanischen Königshauses gefährden. Selbst Syriens Gegnern merkt man keine Schadenfreude an: Türkei und Israel sorgen sich, dass das strenge Regime des Diktators im Vielvölkerstaat durch Chaos und Bürgerkrieg ersetzt werden könnte. Tausende haben bereits im türkischen Grenzgebiet Zuflucht gesucht. Israels Armee bereitet sich darauf vor, in den Golanhöhen Flüchtlinge aufzunehmen. Hier macht man sich außerdem über tausende Raketen und chemische Kampfstoffe der syrischen Armee Gedanken. Sie könnten in die Hände von Islamisten oder Terrororganisationen fallen. Laut einem anderen Szenario könnte Assad versucht sein, kurz vor seinem Abgang die gesamte Region mit einem Verzweiflungsschlag in einen Krieg zu stürzen.
Vorerst bleibt ein Sturz Assads Zukunftsmusik. Seine Lage ist zwar so ernst wie nie zuvor: Er ist international isoliert, seine Truppen zeigen nach monatelangen Kämpfen Ermüdungserscheinungen, immer mehr Soldaten desertieren, der Aufstand erfasst immer weitere Teile des Landes. Dennoch genießt er weiterhin Rückhalt. Trotz des hohen Blutzolls sollte daran erinnert werden, dass Assad noch lange nicht alle seine Optionen ausgeschöpft hat. Seit März kamen rund 6000 Syrer ums Leben. Sein Vater hätte darüber nur gelacht: Im Jahr 1982 ließ der in Hama in zwei Wochen mehr als 20.000 Bürger töten. Das Schlimmste steht Syrien, und seinen Nachbarn, anscheinend noch bevor.
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