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Written by Gil Yaron   
Thursday, 12 November 2009

Die Haredim


Nur knapp zwanzig Autominuten von den Bars Tel Avivs entfernt schien vor zwei Wochen eine gewaltige Zeitmaschine aufgestellt worden zu sein. Mehr als 19.000 ultra-orthodoxe Juden waren nach Netanjah geströmt, um einer der wichtigsten Hochzeiten in der Geschichte Israels teilzunehmen. Mit ihrer altertümlichen Kleidung und ihren strengen Sitten boten sie einen Blick in eine längst vergangene Epoche auf einem anderen Kontinent. Der Vater des Bräutigams reiste in einer prächtigen Kutsche an, seine Berater kamen hoch zu Ross. Alle trugen, dem schwülen israelischen Klima zum Trotz, Pelzhüte wie in Russland vor zweihundert Jahren. Die Logistik für die Feiern erinnerte freilich an die Versorgung einer modernen Armee. In den koscheren Feldküchen wurden 1800 Hühnchen, 800 Kilo Fleisch und 1,2 Tonnen Karpfen verarbeitet, 300 Meter Brot standen bereit, um tausende Mägen zu füllen. Willkommen in der Welt der jüdischen Ultra-Orthodoxen, die sich selbst Haredim, die „Gottesfürchtigen“, nennen.

Nicht nur für die Anhänger des Rabbiners Zwi Elimelech Halberstamm, dem Führer der „Zanser“ Juden, der an diesem Tag seinen Sohn verheiratete, war es ein historisches Ereignis. Für viele Haredim sind die Halberstamms Sinnbild für das Aufblühen ihrer fast todgeglaubten Kultur. Der Gründer der Zanser, Rabbiner Jakutiel Jehuda Halberstamm, verlor Ehefrau und alle 12 Kinder in den Gaskammern von Auschwitz. Der Witwer zog nach Israel und gründete einen neuen „Zanser“ Hof. Seither ist seine Anhängerschaft auf mehr als 1500 Familien gewachsen und zu einer der wichtigsten Strömungen der Haredim geworden. Wie die Zanser ist die Zahl aller Haredim seit der Gründung des Staates Israels gewaltig angestiegen. Aus einer verschwindend kleinen Zahl von Überlebenden der Schoa ist ein bedeutender Faktor der israelischen Politik geworden.

Außenseitern fällt es schwer, zwischen den verschiedenen haredischen Strömungen zu unterscheiden. Die meisten Israelis nennen sie oft nur abfällig „die Schwarzen“, und scheren die Männer in den schwarzen Kaftanen allesamt über einen Kamm, obschon zwischen den verschiedenen Gruppen der Haredim abgrundtiefe Unterschiede bestehen. Das weiß Abraham Ferster nur zu gut. Sein Großvater flüchtete 1934 aus Deutschland vor den Nazis. Seitdem besitzen die Fersters sieben Hutgeschäfte in Jerusalem: „Niemand kann sich als Haredi verkleiden, er würde sofort auffliegen“, sagt Ferster, der die Fabrik im orthodoxen Stadtviertel Mea Schearim leitet. Hut, Strümpfe, Bart, Schläfenlocken – all dies demonstriert, zu welcher Strömung man gehört. Der richtige Hut ist Statussymbol und Ausdruck einer Weltanschauung.

In der ersten Etage liegen moderne Hüte aus: „Das sind die Hüte der „Litauer““, sagt Ferster. Die Litauer gelten als die nüchternen und gebildeten Haredim – nicht Mystik, sondern hartes Bibelstudium ist ihrer Meinung nach der beste Weg, um Gottes Gebote zu erfüllen. Sie lehnen jede Form der Neuerung ab, trotzdem haben sie ein Modebewusstsein: „Die Hutmode ändert sich bei den Litauern. Mal ist der Hutrand breiter, mal schmaler; mal der Hut höher, mal niedriger“, sagt Ferster.

Wenn Ferster jedoch in den Keller steigt, leuchten seine Augen auf. „Hier unten ist die Welt der Hassidim, jeder Hut ist anders“, sagt der 29 Jahre alte Hutmacher. Der Hassidismus entstand im 18. Jahrhundert in Russland. Er betont die Lebensfreude und die mystische Verbindung zwischen Rabbinern und ihren Anhängern, die sich in verschiedene Höfe aufteilten. Heute gibt es in Israel hunderte Strömungen, manche mit einzelnen, andere mit zehntausenden Anhängern, die sich um einen Rabbiner scharen. Sie unterscheiden sich in Bräuchen, Gebeten, und in ihrer Kleidung. Niemals würde der Hassid einer Strömung eine Frau von einem anderen hassidischen Hof heiraten. „Welten trennen zwischen verschiedenen Hassidim“, sagt Ferster, und legt vier schwarze Hüte heraus, die für Uneingeweihte identisch sind.

Feine Unterschiede in der Krempe, am Hutband, Höhe oder Material geben die Herkunft des Hassiden an. Der „Hamburg“ ist das Flagschiff der Hüte, den man ab 200 € haben kann. Er ist ausschließlich hohen Gelehrten und Rabbinern vorbehalten. „Wenn ein junger Bursche so etwas auf der Straße aufsetzte, würden ihn alle fragen, ob Karneval ist“, sagt Ferster.

Hassidim wollen ihre Traditionen erhalten. Die Moderne, so glauben sie, korrumpiert. Rabbiner gestatten deswegen nur „koschere“ Handys, die weder SMS verschicken noch eine Internetverbindung herstellen können. „Die Litauer kaufen den modernsten Hut“, sagt Ferster. Bei den Hassidim sei „modern“ hingegen ein Schimpfwort. „Sie wollen genau den gleichen Hut wie ihr Großvater“, sagt Ferster. „Bei uns Juden hat sich seit tausend Jahren nichts verändert, und nichts wird sich je verändern“, sagt Jerucham Kloisner, der als Verkäufer im Geschäft arbeitet.

Adina Bar Schalom spricht hingegen von einer fortschreitenden Radikalisierung ihrer Welt: „Als ich 16 Jahre alt war, konnte ich ein rotes Kleid anziehen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Heute wäre das undenkbar.“ Oft berichtet die israelische Presse über die eskalierende Strenge der Rabbiner, und nährt Vorurteile über die Ultra-Orthodoxen. Buslinien mit strenger Geschlechtertrennung oder das Verbot, Aufzüge am Sabbat zu benutzen, lösen bei säkularen Israelis ein Kopfschütteln aus. Die steten Kämpfe zwischen Rabbinern, die um Anhänger, Einfluss und Geld ringen, tragen zum schlechten Image der Haredim bei. „Die haredische Welt atomisiert sich“, sagt Miriam Woelke, ein Expertin, die einen Blog über Haredim führt.

Weniger bekannt ist die praktizierte Nächstenliebe der Haredim, die hier als Abkürzung „Gamach“ genannt wird. „Es gibt ein haredisches Branchentelefonbuch für Gamach“, sagt Woelke. Darin stehen hunderte haredische Betriebe, die Armen helfen, ohne Fragen zu stellen. „Ein Haredi kann umsonst von anderen Haredim Babykleidung, neue Brillen oder sogar ein Laptop bekommen.“ Große Kreise der Haredim haben diese Hilfe bitter nötig. In einem durchschnittlichen Haushalt leben 7,7 Kinder. Oft arbeiten die Väter nicht, sondern widmen sich dem Studium heiliger Schriften. Haredim stellen heute 23% der Erstklässler in israelischen Schulen, aber nur einen verschwindend kleinen Teil der Arbeitnehmer. Viele von ihnen lehnen den Staat Israel ab und wollen deswegen auch keine Sozialhilfe annehmen. Ohne Gamach versänken sie in bitterer Armut.

Bar Schalom steht dieser Schnorrerei kritisch gegenüber. Sie kann es sich leisten, offen Kritik zu üben, schließlich ist sie die Tochter von
Rabbiner Ovadia Josef. Josef gilt nicht nur in den Toraschulen sondern auch in Regierungskreisen als einer der wichtigsten Männer im Land. Sie hat begonnen, die geschlossene Welt der Haredim zu revolutionieren, selbst wenn sie vor diesem Begriff zurückschreckt: „Man kann in beiden Welten leben, ohne etwas dabei aufzugeben.“ Die bescheidene Modedesignerin eröffnete vor sieben Jahren eine kleine Universität für haredische Mädchen. „Ich hatte damals 23 Studentinnen“, sagt Bar Schalom.

In diesem Sommer ist das „Haredische College in Jerusalem“ in einen Neubau umgezogen. Hinter der modernen Glasfassade studieren 675 Mädchen und 350 Männer Psychologie, Partnerberatung, Jura Betriebswirtschaftslehre und Sozialarbeit. Sogar Evolution gehört zum Lehrstoff. „Ich gründete diese Universität weil mir klar war, dass die Haredim nur von Spenden leben“, sagt Bar Schalom. Die Haredim gehören zu den ärmsten Bevölkerungsschichten Israels. Das koschere College soll Abhilfe schaffen: Absolventen verdienen mit 900 € monatlich fast 50% mehr als der Durchschnitt der Haredim. „Ich würde mich freuen, wenn dieses College eine Annäherung zwischen Haredim und Säkularen herbeiführt“, sagt Bar Schalom. Doch selbst sie glaubt, dass Haredim und Säkulare sich immer weiter voneinander entfernen.

Das College muss besondere Auflagen erfüllen, damit haredische Mädchen überhaupt herkommen. Männer und Frauen bleiben strikt getrennt, für die jungen Mütter gibt es einen eigenen Hort, in dem 35 Kinder von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends betreut werden. „Unsere Spitzenreiterin ist eine 40-jährige Studentin mit zehn Kindern“, sagt Bar Schalom. Rabbiner mussten das Institut für „koscher“ erklären. Noch heute befürchten viele, die weltlichen Studien würden die Frauen verderben. Für Männer, die sich eigentlich nur mit der Bibel beschäftigen sollten, bedeutet das Studium an einer Universität gar einen sozialen Abstieg. „Heutzutage müssen sie aber helfen, ihre Familien zu ernähren“, sagt Bar Schalom und erklärt jedem, der Arbeit als profan ablehnt: „Gott ist mit den Tüchtigen.“

© 2009 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable

Hier sehen Sie Fotos zum Artikel

 

 

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