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Mai 2010 - Sohn der Hamas
Hätte Mosab Hassan Jussuf seine Lebensgeschichte als Roman geschrieben, hätte man dieses Buch als ein weiteres phantastisches Hirngespinst zum Thema Nahost abgetan. Aber so unglaublich Jussufs Geschichte sich anhören mag, sie ist wahr, und bietet einen einzigartigen, spannenden, manchmal gar atemberaubenden Einblick auf die Hintergründe der Geschichte der Hamas und der zweiten Intifada.
Tiefer hätte Israels Geheimdienst keinen Spion einbetten können. Jussuf diente als der wichtigste Agent des israelischen Inlandsgeheimdienstes, dem Schin Bet. Mosab ist der Sohn von Hassan Jussuf, ein Gründer der Hamas. Jahrelang verhinderte Mosab unzählige Attentate und half dabei, Erzterroristen ins Gefängnis zu befördern. Sein Motiv ist überraschender als die Tat: Er handelte nicht aus Gier, sondern aus Nächstenliebe und einem Wunsch nach Frieden.
Schon vor drei Jahren schockierte Mosab Jussuf Palästina. Der 32 Jahre alte Sohn eines der wichtigsten Gründer der radikal-islamischen Hamas flüchtete aus dem Westjordanland in die USA. Von dort erklärte er im Sommer 2008, dass er zum Christentum übergetreten sei – in den Augen vieler Muslime eine Todsünde, für Mosabs Familie eine kaum überwindbare Schande.
Die Veröffentlichung dieser Memoiren lassen seinen Übertritt aber schon fast nebensächlich erscheinen. Nachdem er 14 Jahre lang sein lebensgefährliches Geheimnis für sich behielt, gibt Mosab offen zu, dass er als Agent des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet diente, unter anderem, um seinem Vater das Leben zu retten.
Anfangs wuchs Mosab in Ramallah im Westjordanland so auf wie alle seine palästinensischen Altersgenossen. Nach der Schule spielte er auf dem Stadtfriedhof neben seinem Haus Fußball, danach ging er zu Demonstrationen gegen die israelische Besatzung. Immer wieder hörte er die hasserfüllten Predigten seines Vaters. Nach dem Ausbruch der ersten Intifada 1987 füllte sich der Friedhof mit Gräbern von mehr und mehr Märtyrern, es war kein Platz mehr zum Spielen. Mosab nahm den Kampf gegen Israel auf. Im Jahr 1996 wurde er verhaftet.
In Haft bestärkte sich sein Hass auf die Israelis: „Im Gefängnis in Jerusalem wurde ich von Schin Bet Agenten gefoltert, geschlagen, meine Hände schmerzhaft gefesselt“, erinnert sich Mosab. Als ein Agent des Schin Bet versuchte, ihn zu rekrutieren, dachte er anfangs nur an Rache: „Ich wollte zu einem Doppelagent werden, den Schin Bet ausspionieren und mein Wissen gegen die Israelis einsetzen.“ Sechzehn Monate ließ der Schin Bet ihn im Gefängnis. Wäre er zu schnell entlassen worden, hätte das das Misstrauen der Hamas erregt. In dieser Zeit ereignete sich der entscheidende Wandel.
„Ich sah mit eigenen Augen, wie Hamasführer Häftlingsinsassen folterten – berühmte Hamasführer, die heute jeden Tag im Fernsehen sprechen“, sagt Mosab. „Der Verdacht reichte aus: sie drückten ihre Zigaretten auf den Opfern aus, malträtierten sie mit Nadeln“, sagt Mosab. Er wurde zum Schriftführer, der die „Verhöre“ der Verdächtigen protokollieren musste. „Die Hamas tötete Menschen aus ihrem eigenen Volk. Alle warnten mich vor dem Schin Bet, aber die Hamas ist für die Palästinenser viel gefährlicher.“
Ein zufälliges Treffen mit einem britischen Geistlichen brachte ihm das Christentum näher: „Besonders faszinierte mich die Idee, dass man seinen Feind lieben sollte“, sagt Mosab, der heute Joseph genannt werden will. 1997 kam er auf freien Fuß - seine unglaubliche Karriere als wichtigster Agent Israels in den Reihen der Hamas, Deckname „grüner Prinz“, konnte beginnen. Mosab war beeindruckt von den Forderungen seines Kontaktmanns: „Er verlangte, dass ich ein anständiger Mann bleibe. Ich sollte immer pünktlich beten, meinem Vater gehorchen, eine anständige Arbeit finden, nicht mit Frauen herumschlafen.“ Mosab begann, mit den Israelis zu kooperieren. „Ohne seine Hilfe wäre es uns kaum gelungen, die Terrorzellen der Hamas in der Zweiten Intifada (2000-2006) zu zerschlagen“, sagte ein hochrangiger Agent des Schin Bet der Tageszeitung Haaretz.
Mosab befand sich jahrelang im Nervenzentrum des Hamasterrors im Westjordanland, und half dabei, unzählige Terroristen aufzuspüren oder zu liquidieren.
Heute bringen ihn seine Geständnisse in Lebensgefahr. Er wolle Israel „ein Zeichen des Friedens senden“, sagte Joseph zu Haaretz. Er sei jedoch sehr pessimistisch, was die Chancen für Frieden betreffe:„Hamas wird nie Frieden mit Israel schließen. Ihr Gott verbietet ihnen das.“ Die ganze Gesellschaft heilige den Tod und Selbstmordattentäter. Mosab ist vor allem auf die Führung seines eigenen Volkes böse: „Wir Palästinenser sind gute Menschen, aber unsere Führung lügt uns an. Die Hamas tötet ständig Palästinenser. Sie haben keine Probleme damit, jemand in einer Moschee zu töten oder von einem Hochhaus zu werfen.“ Zivilisten würden auf schamlose Art missbraucht: „Die Hamas nutzt das Leid der Menschen, von Kindern, um ihre politischen Ziele zu erreichen.“ Für seinen ehemaligen Erzfeind findet der Sohn des Hamasführers hingegen warme Worte: „Ich respektiere und schätze Israel. Die Israelis würden so etwas nie tun. Ich weiß ganz genau – die sorgen sich mehr um die Palästinenser als die Fatah oder die Hamas“, sagt Mosab.
Ein unbedingt lesbares Buch.
Hier ein paar weitere Buchempfehlungen zum Thema Hamas und Intifada:
April/Mai 2010 - Neu- In eigener Sache - 100 Jahre Tel Aviv
Die Feiern anlässlich des hundertsten Jahrestages der Gründung Tel Avivs sind schon fast vorbei. Dies war also die letzte Gelegenheit, dieses Buch herauszugeben, das ich im Auftrag der deutschen Botschaft in Tel Aviv verfasst habe.
"Jekkes und Templer" ist ein Geschenk der besonderen Art an die erste hebräische Stadt. Auf zweimal 138 Seiten zeichne ich hier auf Deutsch und Hebräisch die deutschen Spuren in der israelischen Metropole nach. Es wurde ein feierlicher Band, auf Hochglanzpapier, mit vielen farbigen Abbildungen.
Anhand einzelner Schicksale wird hier der besondere Beitrag der Menschen demonstriert, die ihr Deutschland mit in den Nahen Osten brachten und Israels wichtigste Metropole zu dem machten, was sie heute ist.
Nicht selten war dieser Weg beschwerlich, manchmal tragisch, selten gar amüsant, aber fast immer barg er Überraschungen in sich. Der Lebensweg dieser Männer und Frauen zeugt von einzigartiger Entschlossenheit, Einfallsreichtum und Liebe zu dem Land.
Wehr mehr über die religiösen Templer, sozialistische Pioniere, und die vielen anderen erfahren will, die Tel Aviv ihren eigenen, deutschen Anstrich verliehen haben, sollte dieses Buch gelesen haben.
Sie können es noch nicht im Handel erwerben, aber bei mir per Email bestellen. Für Bestellungen aus Deutschland:
März 2010 - Hebräer oder Juden - die Identität das Staates Israel
Was ist Israel für ein Staat? Eine Ethnokratie, oder ein Apartheidsregime, wie seine Gegner behaupten? Was bedeutet das, wenn Israel sich selbst als "jüdischer, demokratischer Staat" bezeichnet? Dies ist vor allem problematisch, weil der Begriff Jude und seine Bedeutung so schwer zu definieren ist.
Es gibt zu diesem Thema unzählig viele Bücher. Die besten und fortgeschrittensten Debatten werden aber leider auf Hebräisch geführt. Dies schränkt die Auswahl des deutschen Lesers ein. Wer sich trotzdem einlesen will, dem gebe ich hier ein paar sehr interessante Empfehlungen.
Den Anfang macht natürlich, wie zu so vielen Themen, Tom Segev. Sein Buch "Die ersten Israelis" beschreibt auf packende und trotzdem tiefgründige Weise die Gründerjahre des Staates Israel. Dabei geht Segev auf die grundlegenden Dilemmas ein. Debatten, die bis heute den Staat zu zerreissen drohen, wurden bereits kurz nach der Staatsgründung heftig debattiert. Viele Grundrisse und Argumente der Streitparteien haben sich dabei selbst 62 Jahre später kaum verändert.
Sei es der Bezug zu Israels Arabern, der Streit zwischen säkularen und ultra-orthodoxen, Aschkenasen und Sepharden, Alteingesessenen und Neuankömmlingen - es ist alles schon einmal da gewesen. Wer das Israel von heute besser verstehen will, muss die Anfänge kennen, aus denen sich die heutigen Zustände entwickelten. Doch kann man, wie an vielen Arbeiten Segevs, auch hier Kritik üben. Seine kritische Distanz scheint manchmal die wahren Umstände der damaligen Zeit außer Acht zu lassen. In manchen Fragen denkt Segev zu dogmatisch. Trotzdem ein sehr guter Ausgangspunkt.
andere Bücher - auch auf Hebräisch
Donna Rosenthal schrieb während ihrer Jahre in Israel für die renommiertesten Zeitungen in den USA. In ihrem Buch "Die Israelis" gibt sie ihre Erfahrungen aus diesem widersprüchlichen Land wieder. Dabei berührt sie natürlich auch die verschiedenen Arten und Weisen, wie Menschen in diesem Land leben, und mit ihrem Judentum umgehen. Eine gute, und oft sehr unterhaltsame Einführung in das Thema.
Anita Schapira gilt als eine der führenden israelischen Historikerinnen. Sie beschäftigt sich mit Fragen israelischer Identität, der Arbeiterbewegung und der komplexen Beziehung der Israelis zur Bibel. In ihrem Buch "Jews, Zionists and in Between" gibt sie eine faszinierende Übersicht darüber, wie aus dem grundlegenden Text der ultra-orthodoxen ein Buch wurde, das die frühen Zionisten nutzten, um sich gegen das Judentum als Glaube aufzulehnen. Wer verstehen will, welche Rolle die Bibel für das Entstehen des Staates Israel und seine Gesellschaft spielte, darf dieses Buch nicht umgehen.
Das Buch "The Heart of the Matter" vom Keter Verlag ist eine sehr interessante Sammlung von Aufsätzen israelischer Intellektueller, die sich mit der Frage auseinandersetzen, was es für Israel bedeutet, ein jüdischer Staat zu sein: sind Juden ein Volk, oder Anhänger einer Religion? Was hat das für den Staat, und seine Beziehungen zur Diaspora, für Konsequenzen? Welche Gesetze sollten daraus folgen?
Ebenso fesselnd und nach demselben Konzept verfasst ist das Buch "Who is a Jew in our day?" vom Jedioth Verlag. Besonders interessant sind hier die Abschriften der Briefe, die David Ben Gurion erhielt, nachdem er führenden jüdischen Intellektuelle in aller Welt 1958 die Frage nach der jüdischen Identität stellte. Wo sind die Zeiten geblieben, in denen Politiker sich mit Philosophen, Denkern und Schriftstellern berieten? Besonders die Antwort des Nobelpreisträgers Schmuel Josef Agnon ist amüsant: Das ist eine religiöse Frage, halt Dich da besser heraus, antwortet er dem Premier. Die gesammelten Aufsätze haben eine große Bandbreite und bieten einen guten Einblick darauf, wie Israelis und Juden im Ausland dieses Thema angehen.
Februar 2010 - Israel und der Holocaust
Es war einer der wichtigsten Gerichtsprozesse in der Geschichte Israels, vielleicht sogar des 20. Jahrhunderts. Adolf Eichmann, der als Leiter der Abteilung IV D 4 für die Ermordung von Millionen Juden in ganz Europa verantwortlich war, wurde Anfang der 60er Jahre in Israel vor Gericht gestellt und zu Tode verurteilt.
Kein anderer Prozess hat die israelische Gesellschaft tiefer und nachhaltiger beeinflusst, und besitzt damit bis zum heutigen Tag eine derart hohe Relevanz. Im Mai ist der 50. Jahrestag der Ergreifung Eichmanns durch Mossad Agenten in Argentinien, Grund genug, Ihnen zwei sehr interessante und durchaus widersprüchliche Bücher zum Thema zu empfehlen.
Tom Segevs "Die siebte Million" ist, wie alle Segev Bücher, längst ein verlässlicher Klassiker. Segev skiziiert auf 764 Seiten die komplexen Beziehungen von Israel und dem Holocaust. Wie wurden die Israelis dem Mord an den Juden Europas gewahr? Wie standen sie dazu? Wie entwickelte sich in Israel die Kultur der Erinnerung und das deutsch-israelische Verhältnis? Wie prägte der Holocaust die israelische Gesellschaft?
All diese Fragen und viel mehr versucht Segev auf die ihm eigene unterhaltende, spannende, aber gleichzeitig tiefgründige Art zu beantworten. Ein Muss für jeden, der Israel verstehen will. Wer sich vertiefen will, sollte auch die Empfehlung weiter unten wahrnehmen.
Hanna Yablonca
Hannah Yablonka ist eine der führenden Forscherinnen Israels zum Thema Schoa und die israelische Gesellschaft. In ihrem Buch "The State of Israel vs. Adolf Eichmann" (nur auf Englisch erhältlich) skizziert sie nicht nur den Gerichtsprozess in Jerusalem nach, sondern auch den ungeheuren Einfluss, den das Verfahren auf die israelische Gesellschaft hatte.
Sie demonstriert, im Gegensatz zu den Behauptungen Segevs, dass die Holocaustüberlebenden keine passiven Objekte in Israels Gesellschaft waren, sondern dass sie die Erinnerungskultur und Israels Haltung zum Holocaust als aktive Akteure maßgeblich mitbestimmten und durchaus als geschlossene Gruppe agieren konnten, wenn es notwendig war. Ihre Forschungsergebnisse heben viele der Trennlienien auf, die andere Historiker zwischen Sabras und Überlebenden gezogen haben, und zeigen die interessante Wechselbeziehungen in ihrer gesamten Komplexität. Gut geschrieben und sehr lesenswert!
Shaye Cohen "The Beginnings of Jewishness"
Dieses Buch ist definitiv nicht für Anfänger, eher das Gegenteil. Kein Schlager, sondern ein wissenschaftliches Buch, das sich mit der komplexen Frage der jüdischen Identität auseinandersetzt. Cohen behandelt heikle Fragen, die auch heute noch von großer Relevanz und höchster Brisanz sind. Wie erkannte man im Altertum einen Juden? Wie konnte man früher übertreten, und wann wurden diese Bräuche und Vorschriften verändert? War die Beschneidung Pflicht? Seit wann wird das Judentum durch die Mutter und nicht den Vater übertragen? Cohens Buch ist eine gute Ressource für all diejenigen, die sich in diese Themen vertiefen und selbst Kenner der Materie mit ihrem Wissen überraschen wollen. Erfrischend ist dabei, dass Cohen sich nicht dazu hinreissen lässt, strittige Thesen dahingestellt zu lassen, sondern durchaus auch sich selbst gegenüber kritikfähig bleibt. Er beweist auch den für Schriftsteller manchmal schwierigen Großmut, der erforderlich ist, um manche Fragen einfach unbeantwortet zu lassen.
Januar 2010 - Samuel Heilmans "Defenders of the Faith"
Endlich mal wieder ein ausgezeichnetes Buch, das nur sehr kurz auf meinem Nachttischchen verbrachte. Ich habe schon sehr lange kein Buch mehr gelesen, dass mireine völlig neue Welt eröffnete. In seiner tiefgründigen Beschreibung von Mea Schearim erläutert Heilman die Welt der Haredim, die ja oft fälschlicherweise als die "Ultra-Orthodoxen" bezeichnet werden. Er macht das auf einfühlsame und amüsierende Art und Weise. Der Anthropologe Heilman findet genau die richtige Mischung zwischen ironischer und analytischer Distanz und echtem Mitgefühl und Verständnis für sein Forschungsobjekt.
Die israelische und westliche Öffentlichkeit weiß viel zu wenig über die Welt der Haredim. Zu oft wird diese faszinierende Gemeinde über einen Kamm geschoren, wobei man sich nicht selten irrelevanter Stereotypen bedient. Doch nichts wäre ungerechter, als einen Hassid und einen Misnaged in denselben Topf zu werfen!
Die Haredim sind ein ebenso unbekanntes wie wichtiges Gesprächsthema, allein schon weil sie aufgrund ihrer hohen Geburtenrate einen immer größeren Teil der israelischen Bevölkerung ausmachen.
Wer mehr über die Politik, Geschichte, Weltanschauung, Ideologie, Lebensweise und die Eigenarten der Haredim erfahren möchte, sollte hier anfangen.
Dezember 2009 In eigener Sache - Gil Yaron "Jerusalem"
Zu Anfang in eigener Sache. Mein Buch ist jetzt im Beck Verlag inzweiter, erweiterter und aktualisierter Auflage erschienen. Es ist selbst für diejenigen interessant, die bereits die erste Auflage gelesen haben. Zum einen wurde die zweite Auflage auf den Stand von August 2009 gebracht. Darüber hinaus habe ich neue Kapitel eingefügt. Sie erfahren noch mehr über die christliche Geschichte, deutsch-israelischen Beziehungen, die Schoa, die Palästinensische Befreiungsbewegung uvam. So hat die zweite Auflage mehr Umfang und Tiefgang. Mehr Rezensionen können Sie hier nachlesen. Oder bestellen Sie bei Amazon.