Der Jahrestag des Sturzes von Präsident Husni Mubarak ist in Ägypten kein Anlass zu ausgelassener Freude. Das hat viele Gründe - nicht bloß, weil der Alltag für die meisten Ägypter seither schwieriger und unsicherer statt leichter geworden ist. Die Armut wird größer. Die staatliche Planwirtschaft taumelt bedrohlich am Rand des Abgrunds während alle neun Monate eine Million neue Bürger geboren werden, die alle fortgebildet, gefüttert und mit einer Arbeit versorgt werden müssen – ohne dabei auf Naturschätze, Devisenreserven oder ausreichende Infrastruktur zurückgreifen zu können. Der Polizeistaat ist einem Verbrecherparadies gewichen. Die Willkür der Herrschenden dauert an: Noch immer wendet das Militär das Ausnahmerecht an, schüchtert tausende seiner Gegner ein, macht Kritiker mundtot oder steckt sie hinter Gitter. Selbst eine perfekt funktionierende Demokratie hätte es schwer, solche gewaltige Herausforderungen zu bewältigen.
Und Ägypten ist auch ein Jahr nach dem Sturz Mubaraks noch weit davon entfernt eine liberale Demokratie zu sein. Ja - nach Jahrzehnten wurde erstmals demokratisch ein Parlament gewählt, doch Wahlen sind nur ein kleiner, erster Schritt auf dem langen Weg zur Freiheit. Jetzt überwiegt die Ungewissheit: Niemand weiß, welche Vollmachten die gewählten Volksvertreter später haben werden, und welche Rolle das Militär im Staat übernehmen wird.
Demokratie kann nur bestehen, wenn die Schwachen und Andersdenkenden geschützt, gehört und respektiert werden. Doch ob die Islamisten ihren Einfluss nach ihrem Wahlsieg in diesem Sinne nutzen werden bleibt fraglich. Ihr Appetit wächst mit ihren Erfolgen. Versprachen sie anfangs, im Rahmen einer breiten Koalition nur 30% der Sitze anzustreben, kämpften sie zuletzt allein um die absolute Mehrheit. Winkten sie vorher ab, als es um den Posten des Präsidenten ging, suchen sie nun nach einem eigenen Kandidaten. Aus ihrer Sicht ist das verständlich – warum sollten sie sich einschränken, wenn sie doch auf legalem Weg mehr Macht erringen können?
Ihre Aussagen sahen darauf ab, säkulare Gegner und den Westen zu beruhigen. Doch es beruhigt wenig, dass die offiziellen arabischen und englischen Webseiten der Muslimbruderschaft so unterschiedlich sind, dass man denken könnte, sie beschrieben zwei gegnerische Parteien. Die englische betont Toleranz und Pragmatismus, die arabische die Tugenden eines puristischen Islams. Die dreimonatige Haftstrafe des bekannten Schauspielers Adel Imam für die „Diffamierung des Islams“, oder der Abbruch der Dreharbeiten an der Kairoer Ain Shams Universität, nur weil die Röcke der Schauspielerinnen den Studenten den Muslimbrüder zu kurz waren, sind Anzeichen einer besorgniserregenden totalitären, intoleranten Islamisierung.
Ein Jahr nach dem Sturz sind nur zwei Dinge klar: Die demokratische Revolution hat gerade erst begonnen, sie ist fragil und kann durch etliche Entwicklungen gestoppt oder aufgerollt werden. Bevor Demokratie den Ägyptern eine bessere Zukunft beschert, steht das Volk vor einer schweren Gegenwart.
© 2012 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable