Bisher stand Palästinenserpräsident Mahmud Abbas stets im Schatten seines schillernden Vorgängers Jassir Arafat, galt als der wenig charismatischer Bürokrat in den viel zu großen Fußstapfen des legendären Revolutionärs. Doch mit seiner Rede vor den Vereinten Nationen und seinem Antrag, dort als vollwertiges Mitglied aufgenommen zu werden, scheint Abbas sich erstmals zumindest für kurze Zeit als Volksheld etabliert zu haben. In Ramallah jubelten tausende Palästinenser ihrem Präsidenten begeistert zu. Die fast perfekt organisierte Medienmaschine der palästinensischen Autonomiebehörde konnte zwei Erfolge für sich verbuchen. Erstens dominiert die Palästinenserfrage nach langen Monaten, in denen die anderen Revolutionen des arabischen Frühlings alles überschatteten, endlich wieder die Titelseiten der Welt. Und zweitens geht der Kredit dafür einzig an Präsident Abbas. Der muss jetzt große Erwartungen erfüllen.
Dabei sah es kurz vor Beginn der Massenveranstaltung auf dem Arafatplatz in Ramallah noch so aus, als hätte sich das Schicksal gegen die Palästinenser gewandt. Ein unerwartet starker Wind drohte die großen Plakate von den Häusern am fast noch leeren Platz zu reißen. Graue Regenwolken warfen ihren Schatten auf den Platz. Und dann knallte es plötzlich: Die große LED Wand auf der Bühne, auf der die historische Ansprache Abbas für die Massen ausgestrahlt werden sollte, fiel auf die Musikband, die gerade darunter ihren Auftritt probte. Der Pianist und der Trommler mussten ins Krankenhaus evakuiert werden – schlimmer konnte es kaum noch werden.
Doch 45 Minuten später schien das alles vergessen. Die Volkstanztruppe Assayel trat auf die Bühne und machte mächtig Stimmung: „Heute wird ein historischer Abend“, sagt Muhammad al Hatib, ein 50 Jahre alter Lehrer aus Ramallah. „Es ist der Beginn eines neuen Weges, auf dem wir mit Hilfe internationalen Rechts und mit Hilfe der UN friedlich für unsere Freiheit kämpfen“, so Hatib. Gegen halb sieben war der Platz brechend voll, immer wieder übertönten spontane Sprechchöre die tiefen Bässe aus den Lautsprechern, die in den Magengruben bebten: „Mit unserer Seele und unserem Blut werden wir dich erlösen Palästina!“, skandierte die Menge, und später immer öfter: „Allahu Akbar! – Gott ist groß!“ oder „Millionen Märtyrer marschieren nach Jerusalem!“. Dennoch war die Stimmung nicht bedrohlich, sondern fröhlich: aus Platzmangel nahmen immer Eltern ihre Kindern auf die Schultern, Rentner standen dicht an dicht mit Schülern und Studenten. Immer mehr Demonstranten kletterten waghalsig auf die Dächer rund um den Platz, Balkone und Fenster schienen bis auf den letzten Platz besetzt zu sein.
Mit mehr als einer Stunde Verspätung kam kurz vor 19 Uhr die Nachricht aus New York: „Präsident Abbas hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Bitte um volle Mitgliedschaft überreicht“, meldete ein Sprecher. Die Menge brach in wilden Jubel aus: „Auf diesen Augenblick wartet mein Volk seit 40 Jahren“, rief ein Student in die Menge. Als Abbas auf dem wiederaufgebauten LED Screen erschien, legte sich eine gebannte Stille auf die Menge im Arafatplatz. Immer wieder stockte die Satellitenübertragung und unterbrach die historische Rede: „Das machen die Israelis absichtlich!“, sagte ein Student. Doch der überwiegende Teil der Ansprache kam an – sogar sehr gut. Mehr als 40 Minuten lang legte Abbas das Leid des palästinensischen Volkes dar – bezichtigte die Israelis schwerer Verbrechen und gab ihnen die alleinige Schuld für das Scheitern des Friedensprozesses. Israels Außenminister Avigdor Liebermann würde sie später als „Hetzrede“ bezeichnen.
Bei seiner eigenen Bevölkerung punktete Abbas: „Nach langer Zeit habe ich endlich das Gefühl, dass meine Seite der Medaille gut dargestellt und von der ganzen Welt gehört wurde“, sagte der Nahostanalyst Sam Bahour, und sprach damit vielen Palästinensern aus dem Herzen. Abbas erntete Beifall, als er vom Leid der Flüchtlinge, den Märtyrern, der Bedrohung durch die Siedler und Jerusalem als Hauptstadt sprach. Dennoch zog er klare Linien: Seine Wut richtete sich ausschließlich gegen die Besatzung des Westjordanlands und die Gewalt der Siedler und der Armee. Damit bleib er nicht allein: Den ganzen Tag über lieferten Palästinenser sich kleine Scharmützel mit der israelischen Polizei und Armee. Dabei soll laut palästinensischen Angaben eine Person erschossen worden sein. Die Arme überprüfte den Zwischenfall noch. Doch die Gewalt hielt sich in einem überschaubaren, bereits bekannten Ausmaß.
Aus New York pochte Abbas konsequent auf das Recht auf einen Staat innerhalb der Waffenstillstandslinie von 1967 und betonte seinen Wunsch auf friedliche Koexistenz. Er erwähnte sogar das Recht der Israelis auf Sicherheit und Wohlstand – was die Menge mit eisiger Stille quittierte. Als die Ansprache nach 40 Minuten vorbei war, brach allgemeiner Jubel aus: „Abbas ist mein Held“, sagte eine junge Mutter strahlend. Alle waren sich einig und stolz auf ihren sonst so grauen Präsidenten.
Lange nach der Rede rasten noch immer Autos wild hupend mit freudigen Insassen durch Ramallah, andernorts feierte man privat und prostete sich mit einem Bier freudig zu. In der Nacht schien der Grenzübergang Kalandia zwischen Jerusalem und Ramallah sich in einem anderen Land zu befinden als die friedlichen Unabhängigkeitsfeiern, die nur wenige Kilometer nördlich abgehalten wurden. Hier lagen nach neuen Zusammenstößen am Nachmittag hunderte Steine auf der Straße, in der Luft lag der Geruch verbrannten Gummis. Hinter den Panzerglasfenstern am Checkpoint saßen müde Soldaten, die Israel weiter vor Selbstmordattentätern schützen sollen. Besatzung und Terror waren hier noch immer bittere Realität – Frieden und die Zwei-Staaten hingegen ein ferner Traum.
© 2011 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
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