|
Tunnelblick
Im Grenzgebiet von Rafah, zwischen dem palästinensischen Gazastreifen und der ägyptischen Sinaihalbinsel, tummelten sich lange hauptsächlich Schmuggler und Händler. Doch nun geht die ägyptische Regierung entschlossen gegen die Schmuggler vor. Scharfschützen auf beiden Seiten verdrängen die Kaufleute, die Spannung wächst. Ein Interview mit einem Schmuggler, der schon bald arbeitslos werden könnte.
Es eine palästinensische Version des Schweizer Käse: auf einer Strecke von mehreren Kilometern ist das Erdreich an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Ägypten alle paar Meter durchlöchert. Nur notdürftig schützen Plastikplanen die Eingänge hunderter Schmuggler-Tunnel vor Regen, Sonnenlicht und neugierigen Blicken feindlicher Beobachter. Willkommen in Rafah, Gazas wichtigster Verbindung zur Außenwelt. Es ist normalerweise ein belebter Ort, an dem sich vollbepackte Lastwagen, Händler, Schmuggler und Sicherheitskräfte der Hamas tummeln. An diesem kühlen Januarmorgen ist es aber ruhig in Rafah. Das Fotografieren ist inzwischen verboten: Die Schmuggler fürchten nicht mehr nur die israelischen Luftangriffe, die alle paar Wochen ein paar Tunneleingänge bombardieren. Neuerdings fürchten sie auch die ägyptischen Scharfschützen, die entlang der Grenze Stellung bezogen haben. Ägypten ist vom großen Nachbarn zu einem potentiellen Feind geworden.
Seit rund drei Jahren wird der schmale Landstrich am Mittelmeer von Israel und Ägypten belagert. Die Liste der Waren, die aus Israel eingeführt werden dürfen, ist kurz. Auch Kairo machte die Grenze zu Gaza dicht, bisher zumindest theoretisch. Durch die rund 500-1000 Tunnel, die die scharf bewachte Grenze unterlaufen, konnten die Bewohner Gazas bisher alles einschmuggeln, was das Herz begehrt. Benzin, Zigaretten, Hammelfleisch, Zement, gefälschtes Viagra oder Betäubungsmittel für eine Bevölkerung, die in immer mehr in Armut und Depression versinkt. „Sogar eine Giraffe habe ich mal durch meinen Tunnel nach Gaza gebracht“, beteuert Abu Iyad, ein 35 Jahre alter Tunnelbesitzer, der seit fünf Jahren unterirdisch Waren in den Gazastreifen bringt.
Der Schmuggel ist ein einträgliches Geschäft. „Das Graben dauert bis zu fünf Monate“, sagt Abu Iyad. Der 900 Meter lange Tunnel zieht sich 22 Meter unter der Erde zu einem „Auge“. So nennen die Schmuggler den Ausgang auf der ägyptischen Seite, der sich meist in einem Haus eines Kontaktmanns auf der anderen Seite befindet. Ist der Tunnel erst einmal fertig, bringt er dem Eigentümer durchschnittlich 4000 US-Dollar am Tag ein. Abu Iyads Tunnel gibt wirft für rund 30 Angestellte genug Profit ab.
Das könnte bald ein jähes Ende haben. Eine gewaltige Bohrmaschine bohrt mit einem ohrenbetäubenden Maschinengewehr-Staccato jenseits der Grenze tiefe Löcher in den Boden. Daneben hievt ein Kran mehr als 20 Meter lange Eisenplatten in den Grund. Kairo errichtet mit Geld aus den USA eine gewaltige unterirdische Metallmauer die den Tunneln endgültig den Garaus machen soll. Die Mauer verfolgt mehrere Ziele. Zwar beteuert Abu Iyad, er habe niemals Waffen durch seinen Tunnel geschmuggelt. Trotzdem ist er unterirdische Handelsweg die wichtigste militärische Nachschublinie der radikal-islamischen Machthaber des Gazastreifens. Ein steter Zufluss von Waffen aus dem Iran, darunter auch Raketen, die bereits Tel Aviv erreichen können, erreicht auf diesem Weg die Hamas. Das, so wollen es die USA und Israel, soll bald nicht mehr möglich sein.
Lange schaute Ägypten nur zu, doch nun fühlt sich auch Kairo von den Islamisten in Gaza bedroht und macht die Schotten dicht. „Die Lage hat sich in den vergangenen Monaten verschärft“, sagt Abu Iyad. Früher war es leicht, die ägyptischen Grenzsoldaten zu bestechen. „Für ein wenig Geld schauten sie weg. Das geht jetzt nicht mehr, die greifen hart durch“, sagt Iyad, dessen „Auge“ auf der anderen Seite vor wenigen Tagen geschlossen wurde. Seit dem Beginn der Bauarbeiten kommt es immer wieder zu Scharmützeln, mehrere ägyptische Bauarbeiter sollen dabei verletzt oder getötet worden sein. Jetzt haben die Ägypter ihre Militärpräsenz sichtbar aufgestockt. Ein Schützenpanzer bewacht die Bauarbeiter, die Armee baut neue Betontürme für ihre Scharfschützen, die palästinensische Schützen ins Visier nehmen sollen. „Wir haben Angst, die Ägypter sind aggressiver geworden“, sagt Abu Iyad.
Dabei sind die Schmuggler Gefahr gewöhnt. Die sporadischen israelischen Bombardements sind dabei nur eines von vielen Problemen. Oft stürzen die zumeist nur provisorisch abgesicherten Tunnel ein, vor kurzem brannte ein anderer Tunnel, als die Ware Feuer fing. Manchmal überfluten die Ägypter einen Tunnel, den sie auf ihrer Seite entdecken. In anderen Fällen, so behaupten die Schmuggler, soll ein tödliches Gas zum Einsatz kommen. Mehr als 300 Palästinenser sollen in den vergangenen Jahren so ihren Tod gefunden haben. Auch Abu Iyad kennt einen Schmuggler, der nebenan ums Leben kam: „Er stürzte am Tunneleingang hinunter, fiel auf den Kopf“, sagt Abu Iyad.
Die Mauer ist bisher erst 150 Meter lang, aber entlang des Grenzstreifens sind viele Bohrmaschinen zu sehen. In Rafah erzählt man bereits von Tunneln, die wegen der Bauarbeiten einstürzten. Abu Iyad, dessen Tunnel noch funktioniert, erlebt vorerst einen Aufschwung, weil jeder Händler Vorräte anlegt. „Es ist ein Wettrennen mit der Zeit, niemand weiß, welchen Einfluss die Mauer haben wird“, sagt er.
In Gaza traut sich niemand, Ägypten oder die Hamas zu kritisieren. „Die Ägypter wollen ihre Grenze kontrollieren. Das ist ihr gutes Recht.“ Auch die Provokationen der Hamas gegenüber Kairo seien nicht für das neue Debakel verantwortlich: „Allein Israel ist an allem Schuld“, sagt Abu Iyad. Der Schmuggler glaubt nicht, dass die neue Mauer und die daraus folgende Isolation die Hamas schwächen werden: „Nur die einfachen Leute werden leiden, die Hamas wird an der Macht bleiben.“ Obwohl Abu Iyad ein Mann mit viel Humor ist, vergeht ihm bei einer Frage das Lächeln: „Ob die Hamas trotz der aussichtslosen Lage an der Macht bleiben sollte? Das ist eine peinliche Frage, die ich nicht beantworten werde. Ich will nicht, dass mir Böses widerfährt.“
Trotz der bedrohlichen Entwicklungen bleibt Abu Iyad zuversichtlich. „Not macht erfinderisch. Wir werden irgendwie auch einen Weg um die neue Mauer finden“, sagt er. Dabei setzt er auch auf seine Geschäftspartner auf der anderen Seite: „Offiziell werden die Ägypter uns weiter bekämpfen, aber unterm Tisch werden sie uns helfen. Die wissen, wie ein Dollar riecht“, sagt Abu Iyad lachend.
© 2009 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
Sehen Sie hier die Fotos zum Artikel
|