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Written by Gil Yaron   
Monday, 20 October 2008
Siedlergewalt bei Olivenernte

„Tags dein Freund, nachts dein Feind“

Es sieht fast aus wie ein Stück Bibelromantik: Sanft rascheln die Blätter zwischen gewandten Fingern arabischer Bäuerinnen, eine kühle Brise erleichtert ein wenig die Knochenarbeit der fünf Frauen in der Spätsommersonne. Die Khalil Familie aus dem palästinensischen Dorf Asmut hat bereits um sechs Uhr mit der Olivenernte begonnen. Als der römische Kaiser Vespasian anstelle des biblischen Sichem hier vor zweitausend Jahren die „neue Stadt“ Neapolis gründete, dürfte es auf den sanft geschwungenen Hügeln des heutigen Nablus nicht viel anders ausgesehen haben. Doch das Lachen der Frauen und Kinder wird plötzlich gestört:„Da kommen sie wieder!“, ruft eines der Kinder aus und zeigt auf die israelische Siedlung „Alon Moreh“ im Osten. In der Ferne sind drei Gestalten auszumachen, die sich langsam auf den Hain zu bewegen. Wie eine Antilopenherde, die Löwen wittert, wenden alle fluchtbereit ihre Blicke auf die Männer, die nach kurzer Zeit in einer Senke verschwinden. Kurz danach atmet man auf, die Ernte geht weiter.

Als wären Dürre und die spärliche Ernte nicht Sorge genug, plagen sich die palästinensischen Bauern im israelischen besetzten Westjordanland dieses Jahr mit einer Welle zunehmender Gewalt. Insgesamt 429 Übergriffe israelischer Siedler registrierte die Polizei in der ersten Jahreshälfte, rund 50% mehr als im Vorjahr. „Es ist eine Taktik, die die Bauern von ihrer Erde vertreiben soll“, sagt Atef Abu al Rub, Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Btselem, die die Übergriffe der Siedler dokumentiert. Siedler hätten einen „Bannkreis“ von etwa drei Kilometern um ihre Siedlungen gelegt, sagt Abu al Rub. Aus diesem Radius würden sie jeden vertreiben, die Haine beschädigen oder die Ernte stehlen.

„Schau die Bäume an: wilde Verästelungen, Unkraut wuchert herum, so kann man keine guten Ernten erwarten“, sagt Fathi Khalil. Der 40-jährige Vater von vier Kindern schaut betrübt auf die Bäume in dem Hain, den sein Vater hier vor dreißig Jahren anlegte. Die Ernte ist karg: Normalerweise trägt ein guter Baum fast 70 Kilo Oliven, aus denen sich 10 Liter Öl pressen lassen. In diesem Jahr ist es knapp ein Zehntel davon. Glücklicherweise ist Fathi, der einen Supermarkt betreibt, nicht von dem Einkommen abhängig.
Zu den Naturkatastrophen gesellen sich die Siedler:„Keine Zweifel: die haben begonnen, sich zu organisieren“, sagt Abu al Rub. Mehrmals täglich klingelt sein Handy und ein Mitarbeiter berichtet über einen weiteren Zwischenfall in der Gegend von Nablus. Reibungen zwischen Siedlern und Bauern gibt es seit Jahrzehnten:„Aber dieses Jahr sind es deutlich mehr. Sie gehen ähnlich vor, machen koordinierte Angriffe. Das muss von oben kommen“, sagt Abu al Rub. In dieser Beobachtung könnte sich ein besorgniserregender Trend widerspiegeln: Nachdem es der pragmatischen Siedlerführung vor drei Jahren misslang, die Räumung des Gazastreifens zu verhindern, haben radikale Siedler dem Etablissement enttäuscht den Rücken gekehrt. Sie wollen jetzt gegenüber Palästinensern, Armee und Polizei ein Abschreckungspotential erzeugen, zitierte die Tageszeitung Jerusalem Post unlängst die Einschätzung hoher Offiziere der Armee. Friedensaktivisten erhalten Morddrohungen, selbst Beamte werden im Westjordanland von radikalen Siedlern angegriffen.

An diesem Morgen kamen die Soldaten zu spät. Eine Gruppe mehrerer Siedler aus Alon Moreh war in die Haine bei Asmut gekommen, hatten den Wagen eines Bauern beschädigt und Steine geworfen. Die Armee kam erst eine Stunde später, die Angreifer waren längst verschwunden. Bei ihren Übergriffen machen die Siedler auch vor Frauen und alten Männern keinen Halt. Den 63-jährige Mustafa Machmud hatte es am Tag zuvor erwischt:„Gestern ging ich mit meiner Frau und drei Töchtern zu unseren 30 Olivenbäumen nahe Alon More. Mittags kamen sie“, sagt der zuckerkranke Rentner unserer Zeitung. Seine Familie versuchte vor den Jugendlichen zu fliehen, doch die fünf mit Messern und Stöcken bewaffneten Männer erreichten das Fluchtauto vor ihnen. „Sie stürzten mich zu Boden, warfen Steine auf meine Töchter, zerstreuten die Oliven und zerschnitten die Säcke, damit wir sie nicht benutzen können“, sagt Mustafa und zeigt Schürfwunden an Schulter, Knie und Armen. Mustafa wird dieses Jahr nicht in die Berge zurückkehren, um den Rest der Ernte, rund ein
Drittel, einzuholen. „Bei der Gefahr lohnt sich das nicht, es sind ja ohnehin kaum Oliven auf den Ästen.“

Plötzlich klingelt Mustafas Telefon. Die israelische Polizei ist an der Strippe, sie will mehr über den Zwischenfall vom Vortag wissen und wünscht Mustafa gute Besserung. Abu al Rub kommentiert den Anruf zynisch:„Das sind nur Scharaden. Die nehmen nie Siedler fest.“ Tatsächlich tut sich die Polizei schwer dabei, die meist maskierten Angreifer zu belangen. Wegen der jüdischen Feiertage konnte der Polizeisprecher unserer Zeitung keine Zahlen zu verhafteten Siedlern nennen, doch laut der israelischen Menschenrechtsorganisation „Yesh Din“ werden 90% der Akten gegen Siedler vorzeitig geschlossen. Während der Geheimdienst gegen Palästinenser mit schwerer Hand Besatzungsrecht abwendet, werden die Übergriffe der Siedler ignoriert. Im Westjordanland entsteht so ein rechtsfreier Raum.
Die Palästinenser suchen deswegen internationale Hilfe, um ihre Rechte zu schützen. Nur zwei Dinge unterbrechen die Khalils bei ihrer Arbeit: wenn sie glauben, dass sich Siedler nähern, oder wenn Journalisten mit großen Kameras im Anmarsch sind. Dann hört die Großmutter auf, mit ihren Töchtern zu lachen, setzt sich medienwirksam vor einen Olivenbaum und beginnt auf Knopfdruck laut zu weinen. Das scheint wenigstens ein wenig zu helfen. Angesichts des immensen Medienrummels gibt sich die Armee dieses Jahr Mühe die Olivenernte der Palästinenser zu gewährleisten. Sie hat ihre Patrouillen in der Region verstärkt, Extremisten gemahnt und sogar ein paar Gewehre eingezogen:„Tagsüber vertreiben die Soldaten die Siedler, wenn sie sie sehen“, sagt Fathi. Doch nachts ist die Armee sein Feind: sollte er dann von Soldaten in dem Feld nahe der Siedlung gesichtet werden, würden sie ihn wohl als mutmaßlichen Terrorist erschießen. Doch wenn die Helfer aus aller Welt und die Reporter wieder gehen, bleiben die Khalils allein. Sie müssen entweder ihre Olivenhaine verkommen lassen, oder riskieren, in ihren Feldern von Siedlern angegriffen zu werden.

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© 2008 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
 
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