Riss in der arabischen Welt
Der Krieg im Gazastreifen zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas spaltet die arabische Welt wie selten zuvor in zwei Lager. Die einen, die sich einen Sieg der Islamisten wünschen, und die anderen, die gar nicht so insgeheim, darauf setzen, dass Israel mit den Extremisten im Gazastreifen aufräumt. Dies eine Wiederholung des zweiten Libanonkriegs, als vor zwei Jahren dieselben Akteure sich in die stillen Unterstützer Israels und den unverhohlenen Anhängern der libanesischen Hisbollahmiliz aufteilten. Doch noch nie wurde die Kluft zwischen pro-westlichen arabischen Regimes und der pro-iranischen Front in der arabischen Welt so deutlich und so offen wie jetzt.
Ägypten wird von den Extremisten am schärfsten kritisiert. Ihnen sind Kairos Beziehungen zu Israel ein Dorn im Auge. Ägyptens Präsident kollaboriert Hosni Mubarak de facto mit Israel, solange er den Grenzübergang zwischen Gaza und dem Sinai geschlossen lässt und es damit den Israelis ermöglicht, den Landstrich zu isolieren. Deswegen fanden die meisten Demonstrationen in der arabischen Welt und im Iran vor den ägyptischen Botschaften statt, ein Umstand, der Kairo höchst unangenehm ist.
Hisbollahführer Hassan Nasrallah ist der populärste Extremist im Nahen Osten. Zwar ist er ein Schiite, also in den Augen der mehrheitlich sunnitischen Muslime eigentlich ein Verräter am „wahren Glauben“. Doch sein Kampf gegen Israel im zweiten Libanonkrieg machte ihn zum beliebtesten Politiker im arabischen Raum. Nun nutzte er seine Popularität um gegen Ägypten und Jordanien zu hetzen, gemäßigte arabische Staaten, die einen Friedensvertrag mit Israel unterschrieben haben: Sie „kooperieren mit dem amerikanisch-zionistischen Feind um ihre Kapitulationsbedingungen den Widerstandskämpfern aufzuzwingen“, sagte er bei einer Demonstration in Beirut. Dabei ging Nasrallah noch einen Schritt weiter und rief offen zum Widerstand gegen Kairo auf. Millionen von Ägyptern sollten in den Straßen demonstrieren und mit ihrer schieren Masse und unter Einsatz ihres eigenen Lebens den Grenzübergang nach Gaza und die Blockade Israels durchbrechen. „Wie viele können die Sicherheitsdienste Ägyptens schon erschießen?“, fragte Nasrallah.
Damit schlug er in eine Kerbe, die die Hamas und der Iran seit langem vorbereiten. Die Spannungen zwischen der Hamas und Ägypten sind keine Neuigkeit: Kairo unterdrückt brutal die Muslimbrüderschaft, die Mutterorganisation der Hamas. Im Sommer ließ man mehrere wichtige Führer der Hamas im Sinai verhaften, im Bruderzwist zwischen der Hamas und der pragmatischen Fatah hat Kairo sich gegen die Islamisten ausgesprochen. So überrascht es nicht, dass Sprecher der Hamas erklärten, Kairo habe sie belogen und aktiv dazu beigetragen, dass es den Israelis am Samstag mit dem Angriff gelang, sie zu überraschen.
Kairo reagierte auf all diese Anschuldigungen empört:„Nasrallah hat Ägypten faktisch den Krieg erklärt“, sagte der ägyptische Außenminister Achmed Abul Gheit. „Ich sage ihm: Nein! Unsere Armee kann unser Vaterland vor Menschen wie Dir beschützen.“ Doch selbst wenn Kairo Israel scharf verurteilt, gehört es in den Augen der Extremisten bereits zu den Verrätern. Auch der pragmatische palästinensische Präsident Machmud Abbas, dessen Gefolgschaft in einem blutigen Putsch vor anderthalb Jahren von der Hamas aus Gaza vertrieben wurde, macht im Gegensatz zum Rest der arabischen Welt in erster Linie die Islamisten für die Eskalation verantwortlich:„Sie hätten es verhindern können, wenn sie den Raketenbeschuss rechtzeitig eingestellt hätten“, sagte er in Kairo. Sprecher in seinem Umfeld äußerten bereits ihre Hoffnung, dass die Fatah nach einem Zusammenbruch der Hamas nach Gaza als Retter zurückkehren könnte.
So scheint die scheinbar skandalöse Unterstellung Nasrallahs gar nicht mehr so weit hergeholt:„Der Krieg gegen uns wird mit arabischem Einverständnis geführt, manchmal sogar auf Verlangen der Araber.“ Vor diesem Hintergrund ist zweifelhaft, ob die Sitzung der arabischen Liga am Mittwoch noch bedeutende Entschlüsse fassen kann. Es ist nur schwer vorstellbar, dass man sich wie laut Satzung notwendig noch einstimmig auf etwas einigen kann.
© 2008 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
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