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Written by Gil Yaron   
Sunday, 21 February 2010
Umstrittener König

Die Tonscherbe ist gerade einmal 15 mal 15 Zentimeter groß, aber ihre Inschrift sorgt immer wieder für hitzige Diskussionen. Sie stammt aus Khirbet Qiyafa im Ela Tal, wo der Hirtenjunge David einst den mächtigen Goliath niedergestreckt haben soll. Nicht nur der Fundort macht die Scherbe interessant: Sie wird etwa auf das Jahr 1000 v. Chr. datiert, in die Lebzeiten Davids.

Kein Charakter ist enger mit der Geschichte Jerusalems und des jüdischen Volkes verbunden als David. Die Heilige Schrift räumt ihm mehr Platz ein als jedem Anderen und beschreibt ihn mit all seinen menschlichen Schwächen und Stärken als einen „Mann nach Gottes Herz“. Eines Tages, so die jüdische Überlieferung, soll der Messias seinem Geschlecht entspringen, Grund für die Evangelien, den Geburtsort von Jesus aus Nazareth in Davids Heimatstadt Bethlehem zu verlegen.

Doch seit Jahrzehnten diskutieren Forscher darüber, ob David eine reale Person oder eine Mythengestalt ist, und um das Ausmaß seines Königreiches. Im Nahen Osten dient die Bibel als Grundlage für politische Diskussionen. Hier haben solche Debatten handfeste Konsequenzen. Extremistische Siedler basieren ihre Expansionsgelüste auf die Beschreibung von Davids Königreich, das sich vom Nil bis zum Eufrat erstreckt haben soll.

Deutsche Bibelkritiker äußerten erstmals im 19. Jahrhundert Zweifel an der historischen Verlässlichkeit der Bibel. Zu zahlreich seien innere Widersprüche, zu oft deckten sich vor allem Beschreibungen früher Ereignisse nicht mit anderen Quellen. Später gesellten sich auch Archäologen zu den Skeptikern. Bis heute beweist kein archäologischer Fund die Existenz Davids oder seines Nachfolgers Salomon direkt. Die Existenz Davids stand in Frage.

Mitten in diese Debatte platzte 1993 der Fund der auf die Jahre 980-850 v. Chr datierte Tel Dan Stele in Nordisrael. Hier rühmt sich Hazael, König der Aramäer: „Ich tötete Ahaziahu, Sohn Jehorams aus dem Hause Davids.“ Es war das erste außerbiblische Indiz für die Existenz eines davidischen Königshauses. Später stützte auch eine Lesung der Mesha Stele die Existenz dieses Königshauses.

Die meisten Forscher sehen heute deswegen in David eine historische Person und keine Legende. Das Ausmaß seines Reiches bleibt aber umstritten. Noch in den sechziger Jahren schienen manche Überreste die legendäre Baukunst Salomons zu bezeugen. Heute wird deren Ursprung heftig debatiert. Die als Minimalisten bezeichneten Skeptiker wie Israel Finkelstein beschreiben König David als Anführer einer kleinen Räuberbande, die in Jerusalem ein völlig unbedeutendes Bergdorf zu ihrem Hauptsitz machten. Judäa soll erst Jahrzehnte später zur Hauptstadt einer Regionalmacht geworden sein. Das geeinte und mächtige Königreich Judäa sei eine Fiktion der Verfasser der Bibel, die 300 Jahre nach dem Ableben Davids ihre imperialen Ambitionen rechtfertigen wollten, so Finkelstein.
           
Die Inschrift auf der Tonscherbe aus Khirbet Qiyafa gilt den Maximalisten hingegen als Indiz, dass David ein mächtiges Königreich beherrschte. Wäre sie tatsächlich, wie von manchen behauptet, auf Hebräisch verfasst, folgten gleich mehrere Schlüsse. Zum einen gehörte damit Khirbat Qiyafa den Hebräern, und zwar zu genau der Zeit, in der David herrschte. Zudem sei die Inschrift Beweis dafür, dass die Zeitgenossen Davids historische Begebenheiten festhalten und weitergeben konnten. Drittens deute die anscheinend weit verbreitete Fähigkeit zu Lesen und zu Schreiben und die massiven Erdarbeiten in der Festung Khirbet Qiyafa darauf hin, dass Davids Königreich weiter entwickelt gewesen sei, als die Minimalisten ihm zugestehen wollen.
           
Der Streit um König David bleibt vorerst unentschieden. Ob Straßenräuber oder Megakönig: Der charismatische Führer der Israeliten bleibt auch dreitausend Jahre nach seinem Tod eine faszinierende Erscheinung.

© 2010 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable

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