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Written by Gil Yaron   
Sunday, 21 February 2010
Politik in altem Stein

Es ist ein sonniger Samstag. Tausende Besucher aus aller Welt drängeln sich durchs Jaffator in die Altstadt Jerusalems. Nigerier in farbigen Gewändern bestaunen die Stadtmauern, eine Gruppe Japaner hält den Augenblick auf ihren Videokameras fest. Eine israelische Familie bleibt auf dem großen Platz vor dem Stadttor stehen. Zwischen arabischen Händlern, die hier ihre Sesambrötchen feilbieten, zeigt der Vater auf einen schmalen hohen Turm und erklärt seinen zwei Kindern: „Das ist der Davidsturm. Von hier aus schaute König David auf seine Hauptstadt herab.“ Der Turm auf der höchsten Stelle der Altstadt ist das Wahrzeichen Jerusalems. Doch zwischen König David und der Errichtung des nach ihm benannten Bauwerks trennen etwa 2600 Jahre. Der osmanische Herrscher Muhammad Pascha errichtete den Turm im Jahr 1655. Dem Israeli ist das einerlei. Das wenige hundert Jahre alte osmanische Minarett dient ihm als Beweis der Jahrtausende alten Bindung zwischen den Juden und ihrem Land. Archäologie und Geschichte sind hier keine exakte Wissenschaft, sondern Spielball und Ausdruck von Politik.

Schon die alten Römer waren sich der Macht von Landkarten bewusst. Sie spiegeln Realitäten nicht nur wider, sondern erschaffen sie auch. Nach der Niederschlagung des ersten Aufstandes der Juden gegen Rom wurde das jüdische Jerusalem zu Aelia Capitolina. Nach dem zweiten Bar Kochba Aufstand befahl Kaiser Hadrian im Jahr 135 seinen Kartographen die jüdische Vergangenheit auszumerzen: Fortan hieß der Landstrich „Palästina“ anstatt „Judäa“. Das britische Empire steckte Ende des 19. Jahrhunderts seine Ansprüche im Heiligen Land mit derselben Methode ab. Britannien gründete den „Palestine Exploration Fund“ PEF nicht nur um Palästinas zu erkunden: „Dieses Palästina gehört Ihnen und mir, es ist eigentlich unser Land“, sagte der Erzbischof von York, erster Vorsitzender des PEF. Das unbekannte Land sollte gedanklich erschlossen werden. Von 1871 bis 1877 finanzierte die PEF die Vermessung Palästinas. Dabei wurden 10.000 arabische Ortsnamen festgehalten und auf ihren biblischen Bezug überprüft. Von 600 Ortsnamen der Bibel seien so rund 500 „mehr oder weniger genau fixiert“. In den Karten der Briten mutierte die osmanische Provinz zum lebensgroßen Modell des Neuen Testaments, auf das Christen einen Anspruch erheben konnten.

Unwissentlich bereiteten die Briten so dem Zionismus, der nationalen Befreiungsbewegung der Juden, den Weg. Dessen Rückkehr zur historischen Heimat stützte sich auf die biblischen Wurzeln des jüdischen Volkes in Judäa, inzwischen Palästina. Kein Jude hätte die Übersiedlung nach „al Quds“, dem mehr als tausend Jahre alten arabischen Namen Jerusalems, als Heimkehr empfunden. Zionisten kamen nach „Zion“ oder „Jeruschalayim“, zwei der mehr als 70 biblischen Namen Jerusalems. David Ben Burion, Israels erster Premier, war sich der Macht der Namen wohl bewusst. Schon kurz nach der Staatsgründung beauftragte er ein neunköpfiges Komitee damit, alle arabischen Ortsbezeichungen mit hebräischen Namen zu ersetzen. Wie einst der PEF, hatte dessen israelisches Pendant der „Israel Exploration Society“ den Auftrag, „die ungebrochene historische Kontinuität von der Zeit der ersten Eroberung des Landes von der Zeit Josuas (dem Nachfolger Moses) bis zu den heutigen Eroberern“ zu demonstrieren. So gelangte der Berg Hor, auf dem der Hohepriester und Moses Bruder Aharon begraben sein soll, plötzlich in den Negev, obschon ein anderer Berg in Jordanien seit Jahrhunderten von Muslimen und Juden als Grabstätte Aharons verehrt wird. Erst später wurde der archäologisch unhaltbare Name in „Berg Zin“ verwandelt.

Dem Konzept „historischer Kontinuität“ standen arabische Altertümer im Weg. Wie einst die Römer jüdische Überbleibsel vernichteten, machte sich die israelische Armeeführung in den 50er Jahren daran, Spuren arabischer Präsenz zu beseitigen. Hunderte Dörfer, die von Arabern im Krieg verlassen wurden, wurden dem Erdboden gleichgemacht, nicht nur, um die Rückkehr der Flüchtlinge zu verhindern. Von mehr als 160 historischen Moscheen auf israelischem Staatsgebiet stehen heute nur noch knapp 40. Unschätzbare archäologische Funde fielen dem Wunsch, Geschichte vergessen zu machen, zum Opfer. Der Verlust eines 3000 Jahre alten hittitischen Reliefs oder des weißen Turms der Maschhad Nebi Hussein Moschee im heutigen Aschkelon, der mehr als tausend Jahre überdauert hatte als die Sprengkommandos der Armee ihn lang nach dem Krieg in Schutt und Asche legten, erscheinen fast nebensächlich angesichts der völligen Verwüstung der Altstadt der 2000 Jahre alten Stadt Tiberias. Die Zerstörungswut der Eroberer machte selbst vor jüdischen Altertümern nicht Halt. An vielen Orten wurden antike Syngagogen gesprengt.

Die Gegenseite zeigte ebenfalls keinen Respekt vor Altertümern Andersgläubiger. Die Jordanier, die das Westjordanland und die Altstadt Jerusalems eroberten, sprengten antike Synagogen und trieben eine Straße mitten durch den jüdischen Friedhof auf dem Ölberg in Jerusalem. Zehntausende jüdische Gräber wurden zerstört, die Grabsteine für Armeelatrinen, Straßen und Häuserwände verwandt. „Byzantinische Kirchen dienten als Kuh- und Pferdeställe“, sagt Professor Dieter Vieweger, Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEI).

Dieses Verhältnis hat sich heute vielerorts verändert. „Heute sind antike Kirchen Kulturschätze“, sagt Vieweger. Beispiele für den Wandel findet man in Israel zuhauf. „Wir sind stolz darauf, dass die Hebräische Universität in Jerusalem schon immer eine Abteilung für islamische Archäologie besaß“, sagt Professor Amihai Masar, einer der führenden Archäologen Israels. Ausgrabungen neben dem Tempelberg in Jerusalem seien ein Paradebeispiel für die professionelle Neutralität seiner Kollegen: „Nachdem hier beeindruckende Paläste aus der Zeit der Ummayaden freigelegt wurden, stellte man die Arbeiten ein, obschon man darunter mit Sicherheit Überreste aus Perioden jüdischer Herrschaft hätte freilegen können“, sagt Masar. In Akko, Jaffa und Ramle erhalten israelische Archäologen heute das, was die Zerstörungswut der Gründerjahre überstand.

Trotzdem dient Archäologie immer noch der Politik. Ein erschreckendes Beispiel sind die Ausgrabungen auf dem Berg Moriah in Jerusalem. Der Ort, an dem vor zweitausend Jahren der jüdische Tempel stand und auf dem sich heute die al Aqsa Moschee und der Felsendom erheben, gilt als Weltkulturgut. In den neunziger Jahren errichtete der Waqf, die islamische Stiftung, der für die Verwaltung des Areals verantwortlich ist, hier eine unterirdische Moschee. Tausende Tonnen Bauschutt aus dem Berg wurden auf Mülhalden gekippt. Diese, laut Vieweger, „bewusste Zerstörung jüdischen Kulturguts“ hatte eine klare Absicht: Da die Israelis ihre Gebietsansprüche auf die Bibel stützen, versuchen Palästinenser, jeden biblischen Bezug zu leugnen. Schon machen sich in der arabischen Welt Verschwörungstheorien breit, laut denen es den jüdischen Tempel in Jerusalem nie gegeben habe. Die Klagemauer sei von Abraham und Ischmael, dem Vorvater der Araber, errichtet worden, lautet eine andere Mär islamischer Rechtsgelehrter.

In den Augen des israelischen Archäologen Gabi Barkai ist das ein „Verbrechen, das schwerer wiegt als die Leugnung des Holocaust.“ Seit Jahren durchsiebt Professor Barkai die Bruchstücke aus dem Tempelberg und entdeckte zehntausende Funde aus 3000 Jahren Kulturgeschichte. Tausende farbige Steine, die den Boden des herodianischen Tempels bedeckten, hunderte Münzen, und sogar eine Bulle einer Priesterfamilie: „Ein direkter Gruss aus dem Tempel Salomos“, beschreibt Barkai den Fund.

Die Israelis nutzen Archäologie, um ihren Machtanspruch weiter auszudehnen. Rund 80 Jahre bewohnten Araber den Stadtteil Silwan auf dem Berg südlich der al Aqsa Moschee. Israelis nennen diesen Ort „Ir David“, die Davidstadt. Unter den Häusern der Palästinenser befinden sich die Überreste des biblischen Jerusalem. Um die 3000 Jahre alten Überreste auszugraben vergraulen israelische Organisationen Palästinenser aus ihren Häusern. „Die Funde sind sensationell, es müsste aber sensibler vorgegangen werden“, mahnt Vieweger. Touristengruppen und hunderte Israelis schlendern täglich durch den archäologischen Park von Ir David. Von einer Plattform aus betrachten sie ergriffen ein Gebäude mit gewaltigen Steinmauern, das in die Eisenzeit datiert wird. Dies, so erklärt ein israelischer Fremdenführer einer Gruppe junger Soldaten, seien die Überreste von König Davids Palast. Selbst wenn diese Behauptung unter Archäologen heftig umstritten bleiben wird: hier ist sie wenigstens denkbar.

© 2010 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable

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