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Written by Gil Yaron   
Thursday, 11 November 2010
Das andere Deutschland

 

Arye Sharuz Shalicar wurde am U-Bahnhof Pankstraße zum Juden. Rund ein Dutzend muslimische Jugendliche umringte den dreizehnjährigen Jungen, der sich bisher mehr für Mädchen und Fußball interessiert hatte als für die Herkunft seiner Eltern. „Sie erniedrigten mich; zwangen mich, meinen Mund aufzureißen und stopften mir vor allen Augen eine Erdbeere in den Mund. Dann bekam ich eine schallende Backpfeife“, erinnert sich der heute 33 Jahre alte Mann. „Du bist Jude und gehörst zum stinkendsten Volk, das auf der Erde existiert!“, beschimpfte einer der Jugendlichen den Jungen, der sich selbst bisher für einen „ganz normalen Deutschen“ gehalten hatte. „Eines Tages werden wir euch alle ausrotten“, fügte ein anderer hinzu. Die Konfrontation war der Startpunkt einer jahrelangen Odyssee, zu der tägliche Auseinandersetzungen mit extremistischen muslimischen Einwanderern gehörten. Sie mündete in der Auswanderung nach Israel, wo Arye heute als Armeesprecher arbeitet.

Dabei begann seine Kindheit in Spandau normativ. Dem ältesten Sohn jüdischer Einwanderer aus Persien waren Religion oder Volkszugehörigkeit anfangs einerlei: „Einmal besuchten wir eine Anne Frank Ausstellung. Ich ging früher, um mit meinen Freunden Fußball zu spielen, weil mich das alles nicht interessierte und ich keinen Bezug dazu hatte.“ Das änderte sich, als seine Familie in den Einwandererkiez Wedding zog. Der Wechsel von Spandau nach Wedding war wie die Übersiedelung in ein anderes Land. „Es gibt das Land der Deutschen, in dem fast keine Ausländer leben. Es gibt das Multi-Kulti Land. Und es gibt ein muslimisches Deutschland, wo radikale Muslime den Ton angeben und moderate mitlaufen müssen“, sagt Arye.

In der Schule schloss er schnell Freundschaften und machte neue Erfahrungen. Arye erinnert sich: „Eines Tages sagte mein bester Freund, ein indischer Muslim, zu mir, dass alle Juden verrecken sollen.“ Der wollte Arye nicht glauben, als dieser beteuerte, selbst Jude zu sein. Als Arye am Tag darauf mit einem Davidstern-Anhänger an der Halskette in die Klasse kam, änderte sich sein Leben von Grund auf. „Auf einmal hatte ich Feinde. Der Weg zur Schule wurde zum Spießrutenlauf. Muslime verfolgten mich, manchmal mit gezückten Messern“, sagt Arye, auf dessen Glatze noch die Narben der Platzwunden zu sehen sind, die er sich damals zuzog. „Ich habe viel Glück, diese Zeit im Wedding überlebt zu haben.“

Schutz bot nur ein Anschluss an Gangs. Arye, damals noch unter seinem persischen Namen Sharuz bekannt, machte sich als Graffiti-Sprüher einen Namen, und als einer, der bei Schlägereien Weddinger Gangs immer vorne mitkämpfte. „Ich war aber nie mit Herz und Seele dabei. Ich musste mich einfach irgendwie vor muslimischen Übergriffen schützen. Ich versuchte gleichzeitig stets, ein guter Sohn und Bruder zu sein und in der Schule ein gutes Zeugnis zu bekommen“, sagt Arye. Die Freundschaft mit Kriminellen und Mitgliedern muslimischer Großfamilien bot ihm den erhofften Schutz vor der Bedrohung der Extremisten. So lernte Arye zwei Arten von Muslimen kennen: „Ich machte auch positive Erfahrungen. Es gab Muslime die mich schützten, weil ich ihr Freund war. Bis heute halte ich Kontakt zu Deutschen mit türkischem Hintergrund.“

Arye ist um Deutschland besorgt: „Der radikale Islam ist eine Gefahr für Deutschland, wobei die Betonung auf radikal liegt. Unter Muslimen gibt es viele Fanatiker. Sie sind eine wachsende Minderheit, die ihren Extremismus in Ausländerghettos verbreitet. Mit diesen Radikalen kann man keinen Dialog führen. Sie haben andere Ziele und nutzen das westliche Wertesystem im besten Fall für ihre Zwecke aus.“ Gleichzeitig propagiert Arye „die Zusammenarbeit mit moderaten Muslimen, um gemeinsam gegen die Radikalen zu kämpfen, weil sie für die muslimische Welt genauso gefährlich sind wie für den Westen.“

Arye meint zwar, dass „Juden in Deutschland immer noch eine Zukunft haben.“ Er fand in der deutschen Mehrheitsgesellschaft jedoch keinen Anschluss: „Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn man komisch angeguckt wird, nur weil man eine dunklere Haut hat. Der Durchschnittsdeutsche betrachtete mich als Muslim oder Ausländer.“ Für Deutsche war er Muslim, für Muslime war er Jude, für andere Juden ein Krimineller: „Ich sah für mich in Deutschland keine Optionen, ich passte da nicht hin“, sagt Arye. Es folgte eine lange Zeit der Identitätssuche. Schließlich wanderte er nach Israel aus: „Ich wollte irgendwo hingehen, wo ich in Frieden leben kann“, sagt der stämmige junge Mann über seine Wahlheimat in der Krisenregion Nahost. „Nur hier bin ich als Jude frei und werde nicht verfolgt.“ Endlich fühlt er sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft: „Dies ist ein Land von Einwanderern. In den zehn Jahren, in denen ich hier lebe, habe ich nur positive Erfahrungen gemacht. Menschen sind aufgeschlossen.“

Es sei schwer für Deutschland, Lehren aus der erfolgreichen israelischen Integration von Millionen von Einwanderern zu ziehen: „Die Menschen, die nach Israel kommen, haben grundsätzlich eine positive Haltung zum Staat. Sie wollen sich integrieren. Nicht jeder, der nach Deutschland kam, will hingegen Deutscher werden. Die Integrationsdebatte hätte vor 20 Jahren stattfinden müssen, wir haben eine Generation verpasst. Heute sollte man in Deutschland verstehen, dass nicht jeder Muslim gleich ein Radikaler ist. Man muss Einwanderern das Gefühl geben, Teil der Gesellschaft zu sein.“

Der Auswanderer Arye bezeichnet sich selbst „in erster Linie als jüdischen Israeli.“ Daheim spricht er mit seiner Ehefrau aber meistens noch immer Deutsch, gespickt mit Brocken auf Russisch oder Hebräisch: „Trotzdem bleibe ich Teil Berliner, Deutscher, und Perser“, sagt Arye zu seiner komplexen Identität. Genauso differenziert bleibt sein Bild von Türken und Muslimen. Selbst nach dem Zwischenfall auf dem Schiff Mavi Marmara, bei dem israelische Soldaten vor wenigen Monaten neun Türken töteten, bleib seine Freundschaft mit türkischen, muslimischen Freunden in Deutschland bestehen „obwohl sie genau wissen, dass ich in der Armee arbeite. Das gibt mir Hoffnung, dass Hass nicht der einzige Weg ist, sich zu begegnen.“

© 2010 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable

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