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Written by Gil Yaron   
Tuesday, 02 March 2010
Krieg um Jerusalem

Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat versuchte, hinzureißen: „Schließen Sie nur kurz die Augen und stellen sich vor, wie es aussehen könnte“, sagte Barkat auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz im Rathaus von Jerusalem: „Plätscherndes Wasser, ein grüner Park, die Schönheit dieses historischen Ortes.“ Mit Grafiken unterlegt präsentierte Barkat sein ehrgeizigstes Projekt: „Gan Hamelekh“, den Garten des Königs, nennt er das Tal südöstlich des Tempelbergs. Hier soll König Salomo spazieren gegangen sein und vielleicht den einen oder anderen Psalm verfasst haben. Nach dem Tempelberg, so eine Quelle im Rathaus, sei dies der zweitwichtigste Ort der Stadt. Er soll jetzt zum Teil eines grünen Gürtels um die Altstadt und eine Attraktion für hunderttausende Touristen werden.
   
Genau zu der Stunde, in der der Bürgermeister seine Visionen vorstellte, erinnerte in der geplanten „Grünzone“ nichts ans Bild vom friedlichen Touristenmagnet. Kaum etwas weist hier darauf hin, dass man sich in der israelischen Hauptstadt befindet. Krankenwagen wagen sich nur mit militärischem Geleitschutz her. Zwölfjährige rasen in aufgemotzten Wagen herum, wohl wissend, dass kein Polizist sie anhalten wird. Aus den offenen Wagenfenstern dröhnt arabische Musik und übertönt sogar den Ruf des Muezzins von der Al Aqsa Moschee, die auf dem Berg thront. Wind wirbelt Müll durch die mit Schlaglöchern übersäte Bergstraße. Willkommen in Al Bustan, dem Obstgarten, wie das Tal der Könige bei den Palästinensern heißt.
   
Dass Barkat den palästinensischen Bewohnern des Stadtteils Wohlstand bringen will glaubt in Al Bustan niemand. Seit Jahrzehnten ist man Versprechen der Stadtverwaltung gewöhnt. Sie wurden nie gehalten. Städtische Dienstleistungen sind ein Fremdwort: Es gibt keine Bibliothek, städtische Kindergärten oder Parks. Dringlichste Not ist jedoch der Mangel an Wohnraum. Für Palästinenser, die im Durchschnitt fünf Kinder pro Familie haben, ist es sehr schwer, in Jerusalem eine Baugenehmigung zu erhalten. Deswegen errichten tausende ihre Häuser unerlaubt. So entstand in den vergangenen zwanzig Jahren Al Bustan, mitten im Tal, das in städtischen Plänen eigentlich als Grünfläche vorgesehen ist. Insgesamt 88 palästinensische Häuser stehen völlig planlos dicht an dicht. Mitten in Al Bustan sieht es aus wie in einem Flüchtlingslager: statt Straßen enge Gassen, die sich durch die Häuser winden, arabisches Graffiti glorifiziert den patriotischen Kampf gegen Israel.

Diesem Durcheinander will Barkat jetzt ein Ende setzen: Sein ambitionierter Plan sieht den Abriss von 22 Häusern vor, 66 andere sollen rückwirkend eine Baugenehmigung erhalten und bis auf vier Etagen aufgestockt werden. Die Hälfte von Al Bustan soll dann in einen Park umgewandelt werden, als Entschädigung will Barkat ein 2000 qm2 großes Gemeindezentrum errichten und 3000 qm2 Raum für Geschäfte machen, die von den Bewohnern Al Bustans betrieben werden. „Es ist ein Gewinn für alle“, sagt Barkat.

„Barkat ist ein Lügner. Es geht nicht darum, unsere Lebensbedingungen zu verbessern, sondern uns auszusiedeln“, sagt Khaled Zabarka, einer von vier Rechtsanwälten, die die Bewohner Al Bustans vertreten. „Wir wollen keinen Park. Wir wollen in unseren Häusern bleiben.“ Viele verdächtigen den als Nationalisten bekannten Barkat, lediglich Siedlungspolitik betreiben zu wollen. Vor kurzem drängte ihn der Höchste Gerichtshof, endlich ein Haus zu räumen, dass israelische Siedler seit 2002 in Al Bustan besetzt halten. Doch Barkat wolle mit seinem Plan die Palästinenser in eine Falle locken, um die Präsenz israelischer Siedler zu ermöglichen. Würden die illegalen arabischen Bauten genehmigt, gäbe es auch keinen Grund mehr, die widerrechtlichen Siedler herauszuschmeißen.

Deswegen haben die Bewohner von Al Bustan einen eigenen Plan entwerfen lassen. Laut diesem Plan sollen alle Häuser stehen bleiben, nur die Mauern zwischen ihnen werden abgerissen, aus den Vorgärten wird ein öffentlicher Park. Doch Barkat lehnte ab. Er will einen großflächigen Park für hunderttausende Touristen, bar jeder arabischen Präsenz. „Die Idee vom Park soll die Welt beruhigen“, sagt Farhi Abu Diab, ein Aktivist aus Al Bustan. „Erst werden sie unsere Häuser abreißen, und dann wird ihnen plötzlich das Geld fehlen, um ihre Versprechen zu halten. Dann ziehen Juden ein“, sagt Abu Diab.

Während Barkat im Rathaus von Touristenströmen träumt, herrscht in Al Bustan Kriegsstimmung. Die Lage ist hier ohnehin gespannt, seitdem die israelische Regierung historische Stätten im arabischen Westjordanland zum „jüdischen Kulturerbe“ erklärte. Seit Tagen liefern sich israelische Soldaten und Palästinenser deswegen Straßenschlachten. „Wir werden unter Einsatz unseres Lebens unsere Häuser und unser Land verteidigen, die Symbol unserer Ehre sind“, steht in roten arabischen Lettern auf einem Poster im Protestzelt, in dem einige Männer diskutieren. „Wir gehen mit rechtlichen Mitteln gegen Barkats Plan vor. Sollte er trotzdem versuchen, uns aus unseren Häusern zu vertreiben, trägt er die Schuld für die Konsequenzen“, droht der ansonsten sanfte Zabarka. „Wenn man einem Mann sein Haus nimmt – wofür sollte er dann noch leben?“, fragt ein anderer Palästinenser, der anonym bleiben will. „Ich werde mein Land nicht verlassen, solange ich lebe“, gelobt er. „Wir haben fast alle unter Kontrolle, aber wenn man uns in die Enge treibt, kann ich die Jugendlichen hier nicht mehr zurückhalten“, sagt auch Abu Diab.

Die arabische Welt verurteilt Barkats Pläne, auch die israelische Linke, selbst die USA warnten vor den gefährlichen Konsequenzen, falls Planierraupen in Al Bustan aufführen. Kurz vor der Pressekonferenz schaltete Israels Premier Benjamin Netanjahu ein, um die Lage zu entschärfen. Er drängte Barkat dazu, seinen Plan nicht zu vollstrecken, sondern weiterhin den Dialog mit den Bewohnern Al Bustans zu suchen. Feindliche Elemente seien daran interessiert, Israel ins falsche Licht zu stellen und die Stimmung anzuheizen, so Netanjahu. Barkat willigte in letzter Minute ein, und bannte damit vorerst den heraufbeschworenen Krieg um Jerusalem. Die USA zeigten sich zufrieden. Doch die Stadtverwaltung und die Bewohner sind auf einem Kollisionskurs. Der nächste Kampf um Al Bustan scheint nur eine Frage der Zeit.

© 2010 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable

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