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Kampf in der Steckdose
In Gaza-Stadt kann man nicht mehr in Ruhe einkaufen gehen. Die Straßen sind voller Lärm. Vor jedem Geschäft steht ein kleiner knatternder Generator, der die Läden mit Strom versorgt. Zu den Abgasen der alten Fahrzeuge mischt sich der Gestank aus den Auspuffen Generatoren und der süßliche Duft des Diesels. „Wir haben tagsüber keinen Strom“, klagt Muhammad Dawas aus Gaza. Der kleine Generator auf der Terrasse reicht um die Glühlampen und das Fernsehen zu betreiben. „Alle anderen Dinge müssen warten, bis wir wieder für ein paar Stunden Strom bekommen“, sagt Dawas. Seiner Familie geht es dabei noch relativ gut: er wohnt in einem zentralen Stadtteil und erhält verhältnismäßig oft Strom. In anderen Teilen Gazas bleibt es tagelang dunkel.
Seit Jahren ist Strom im belagerten Landstrich knapp, aber noch nie war die Lage so brenzlig. Bisher erhielt das einzige Kraftwerk Gazas, das etwa 25% des Bedarfs deckt, genug Heizöl, um zwei der vier Turbinen zu betreiben. Aber gestern (Montag) schaltete es die letzte Turbine ab. „Uns ist das Heizöl ausgegangen“, sagt Chefingenieur Sami Abadlah. „Das Energieministerium in Ramallah kauft nicht genug.“ Doch es handelt sich um mehr als ein Finanzproblem. Seit rund drei Jahren wird der Gazastreifen von der radikal-islamischen Hamas beherrscht. Deren Herrschaft wird von der Rivalin Fatah, die im Westjordanland die palästinensische Autonomiebehörde (PA) führt, nicht anerkannt. Der Kampf um die Steckdose ist das neueste Kapitel im Bruderzwist zwischen PA und Hamas.
Bis November zahlte die EU für das Heizöl, das Israel in den Gazastreifen lieferte. Seither sollte die PA diese Zahlungen übernehmen. Doch die will die Rechnung nicht mehr begleichen: „Wir zahlen nicht nur für einen Teil des Heizöls, sondern auch für 120 Megawatt Strom aus Israel. Ägypten liefert dazu 17 MW umsonst“, sagte ein hoher Beamter aus dem Amt des PA-Premiers im Gespräch mit unserer Zeitung. „Die Hamas zahlt keinen Pfennig für den Strom, den sie benutzt, obschon sie Steuern eintreibt. Wer erhält in der Welt Strom umsonst?“, verteidigt der Beamte die neue Strompolitik der PA. „Sie sollten wenigstens ihren eigenen Teil tragen. Alle Hamaseinrichtungen in Gaza erhalten Strom frei Haus“, so der Beamte.
Die Firma GEDCO, die den Strom in Gaza verteilt, treibt nur einen kleinen Teil der Schulden ein. „Nur etwa 20% der Bevölkerung bezahlt ihre Stromgebühren“, sagt Dr. Leila Abu Gale, Direktorin der Energiebehörde in Gaza. „Bisher haben sie Strom von der EU umsonst bekommen. Viele Menschen verstehen daher nicht, warum sie jetzt für den Strom zahlen sollen.“ Quellen in Ramallah vermuteten, dass GEDCO mit der Hamas kooperiere. „Selbst das wenige Geld, dass GEDCO eintreibt, verschwindet. Sie nutzen es nicht, um mehr Heizöl in Israel zu kaufen, und schieben uns die Schuld für die Misere in die Schuhe“, so der Beamte. „Die Hamas übernimmt für nichts die Verantwortung, obwohl sie in Gaza Steuern eintreibt.“ GEDCO konnte nicht für eine Stellungnahme erreicht werden.
Eine Quelle aus der Hamas hingegen bezichtigte die PA der Kollaboration mit der israelischen Besatzung. Die Strompreise seien zudem überhöht, das Geld für den Strom würde von Beamten der PA eingestrichen.
Eine Quelle im UN-Hilfswerk OCHA hält hingegen politische Begründungen für falsch: „Die Menschen würden gern für den Strom zahlen. Aber 70% der Bewohner Gazas leben unterhalb der Armutsgrenze, fast die Hälfte ist arbeitslos. Sie brauchen Geld, um zu essen. Wer hat da noch Geld für Strom?“
© 2010 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
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