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Written by Gil Yaron   
Thursday, 24 December 2009
Keine Zukunft für Christen

Bethlehems Bürgermeister Dr. Viktor Bartassa weiß was er sagen muss, um die Herzen westlicher Hörer zu gewinnen: „Wir sind ein Paradebeispiel für friedliche Koexistenz der Religionen“, sagt Bartassa. Die Hotels in Bethlehem seien schon seit Wochen ausgebucht, und dieses Jahr werde die Geburtsstadt Jesu schöner sein als je zuvor. Insgesamt 65.000 € seien gestiftet worden, um die Straßen zu schmücken, ein erheblicher Teil des Geldes käme von der palästinensischen Regierung und muslimischen Firmen. Nur „die israelische Besatzung und die Mauer, die unsere Stadt einschnürt“, seien ein Problem. Einzig sie führten dazu, dass „immer mehr Christen unser Land verlassen“, sagt Bartassa. Doch Christen aus den palästinensischen Gebieten sprechen von ganz anderen Problemen, die offizielle Sprecher der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) lieber totschweigen.

Beschimpfungen sind für Amira Farhoudi aus Bethlehem Teil eines bedrückenden Alltags. „Wenn muslimische Kinder das Kreuz sehen, dass ich an meiner Halskette habe, verfluchen sie mich regelmäßig lauthals auf offener Straße“, sagt die 19 Jahre alte Medienstudentin unserer Zeitung. „Ich hasse es, in Bethlehem zu leben“, sagt Farhoudi und erklärt: „Als Frau bin ich gezwungen bereits um acht Uhr Abends zuhause zu sein. Ich habe hier keine Freiheiten.“ Sie träumt davon, eines Tages in die USA auszuwandern, um dort Filmemacherin zu werden. Sie hat sogar schon ihr erstes Buch geschrieben: „Es ist eine tragische Liebesgeschichte zwischen einem palästinensischen Mädchen und einem israelischen Soldaten“, sagt Farhoudi. „Meine Freunde waren schockiert, als sie das hörten. Für sie ist es undenkbar, solche gesellschaftlichen Tabus zu überschreiten.“ Doch selbst die rebellische Farhoudi denkt in Kategorien. Niemals würde sie einen Muslim heiraten: „Muslimische Männer sind doch alle hässlich, ich hasse sie“, sagt die Teenagerin.

Der Hass zwischen der ehemaligen Elite der urbanen Christen und den Muslimen sitzt tief. Schon auf dem großen Platz vor der Geburtskirche wird die Übermacht des Islams klar. Ein Minarett überragt die Kirche, Fünf mal am Tag übertönen die Lautsprecher der Moschee die Gebete in einer der ältesten Kirchen der Welt. Die Osmanen hatten in ihrer Zeit angeordnet, dass neben jedem christlichen und jüdischen Gotteshaus eine Moschee zu errichten sei, um die Dominanz des Islams zu demonstrieren. „Wir Christen ziehen immer den Kürzeren“, sagt Samir Qumsieh, der eine christliche Fernsehstation in Bethlehem betreibt und schon mehrere Mordversuche überlebt hat. Stundenlang kann Qumsieh von Beispielen berichten, in denen muslimische Großfamilien, die aus Hebron ins reichere Bethlehem gezogen sind, Christen bedrohen, erpressen und bestehlen. Erst vor kurzem wurde im Streit um ein Grundstück ein Christ nach Hebron verschleppt und dort wochenlang festgehalten: „Die Behörden haben nichts getan. Es gibt keine offizielle Politik, uns zu verfolgen oder zu diskriminieren, aber man schützt uns auch nicht vor den Übergriffen der Muslime.“

In der einstigen christlichen Hochburg geht es Christen schlecht. Noch vor sechzig Jahren stellten sie hier die Mehrheit, heute machen Christen noch rund 12% der Bevölkerung aus. „Es sind drei Faktoren: Die Muslime haben eine höhere Geburtenrate als wir, sie ziehen aus dem Umland hierher, und Christen wandern wegen der Besatzung aus“, sagt Bürgermeister Bartassa, dessen fünf Kinder alle im Ausland leben. Doch auch die Politik und Korruption der PA haben zur Abwanderung von Christen maßgeblich beigetragen, sagt Qumsieh: „Wir wurden von den Osmanen, Briten und Israelis besetzt, aber niemals haben Christen so gelitten wie heute.“ Die Abwanderung vieler christlicher Landbesitzer ließ ein Vakuum entstehen, dass von einer muslimischen Mafia gefüllt wird, die sich der herrenlosen Güter bemächtigt. „Sie sehen, dass eine Familie emigriert, und beginnen sofort, auf deren Land zu bauen, oder verkaufen sogar Grundstücke, die ihnen gar nicht gehören“, sagt ein palästinensischer Journalist, der aus Angst vor Repressalien unerkannt bleiben will, unserer Zeitung. „Vertreter der PA kooperieren dabei und erhalten Provision.“ Jetzt will die neue Regierung der „Landmafia“ den Garaus machen. Ein neuer Ausschuss will endlich Klarheit in den Besitzverhältnissen schaffen, vergangene Woche wurde erstmals in der Geschichte Bethlehems ein Haus abgerissen, das Muslime illegal auf einem christlichen Grundstück errichtet hatten. „Für die 45.000 Christen der PA ist das zu wenig, und zu spät. Man fängt nur die kleinen Fische, die großen lässt man ziehen“, sagt der Journalist.

Im Gazastreifen, der seit 2007 von der radikal-islamischen Hamas beherrscht wird, leidet die kleine christliche Gemeinde unter dem wachsenden Druck des Islams. J. gelang es, vor zwei Jahren aus dem Landstrich nach Bethlehem zu flüchten. Seither hat er nur noch sporadischen Kontakt mit seiner Familie. „Meine Familie hat Angst davor, dass unsere Gespräche abgehört werden könnten, deswegen sagen sie mir nicht die ganze Wahrheit.“ Die Bewohner Gazas würden immer extremistischer. „Unsere Lage scheint aussichtslos. Die Hamas zwingt meine Schwestern inzwischen, Schleier anzuziehen“, sagt J., der aus Angst um seine Familie anonym bleiben will. Die muslimische Umwelt übt großen Druck aus, um die Christen zu bekehren. „Aber umgekehrt droht Muslimen, die sich zu Jesus bekennen, die Todesstrafe. Hunderte heimlich übergetretene Christen in Gaza fürchten sich davor, dass ihr Geheimnis bekannt werden könnte“, sagt J.. Die Gemeinde der rund 1700 in Gaza verbleibenden Christen „hat keine Zukunft. Niemand unterstützt uns“, sagt J. Christen würden bei der Verteilung von Regierungsjobs benachteiligt, ihre Einrichtungen Ziele von Angriffen radikaler Islamisten. „Ich werde nie nach Gaza zurückgehen. Nicht wegen der Israelis, sondern wegen der Hamas.“

© 2009 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable

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