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Israels neue Wunderwaffen
Soldaten freuen sich selten darüber beschossen zu werden. Diese Woche jedoch schien die Armeeführung in Tel Aviv sogar hoch erfreut, dass ein palästinensisches Kommando einen israelischen Panzer, der entlang des Grenzzauns patrouillierte, mit einer Panzerabwehrrakete angriff. Der Grund: Das Scharmützel unweit vom Kibbutz Nir Os an der Grenze zum Gazastreifen war die beste Werbung für Israels neuestes Waffensystem. „Trophy“, in Israel „Windmantel“ genannt, ist ein aktiver Schutz für Fahrzeuge, der Panzerfäuste außer Gebrauch setzt. Ein mit Trophy ausgestatteter Panzer Merkava 4 der Brigade 401, Israels modernster Panzereinheit, überstand den Angriff unbeschadet. Der Palästinenser, der die Rakete abgeschossen hatte, wurde mit Hilfe des Systems entdeckt und getötet.
Militärs bezeichneten den Zwischenfall als „historischen Augenblick“: Bisher schützten Panzer sich im Schlachtfeld durch hohe Fahrtgeschwindigkeit und eine dicke Panzerung vor feindlichem Beschuss. Obschon im Augenblick weltweit rund 15 Projekte versuchen, eine aktive Raketenabwehr für Panzer zu entwickeln, ist der Zwischenfall bei Gaza das erste Mal, dass ein aktives Verteidigungssystem zum Einsatz kam. Trophy gilt als die einzig ausgereifte Variante: Sie schützt Fahrzeuge gegen Angriffe aus allen Richtungen, also auch von oben. Das gilt auch für gleichzeitige Angriffen mehrerer Raketen, selbst wenn sie, wie im Straßenkampf, aus nächster Nähe abgeschossen werden, indem Schrot auf die Panzerfaust geschossen und sie zerstört. Dabei werden Truppen in nächster Umgebung angeblich kaum gefährdet. Die Israelis hoffen jetzt, dass das Schlachtfeld von morgen, und die Bestellungslisten in den Waffenschmieden, fortan besser für sie aussehen.
Auf einem Berg in Israels Norden, hoch über den funkelnden Lichtern einer Stadt, wird in diesen Tagen eine andere israelische Wunderwaffe installiert. Willkommen im Reich von Abraham Tiloni (Name von der Redaktion geändert), Kommandant der Einheit 947 der Luftverteidigung. Er soll die ersten zwei Batterien von Iron Dome (Stahlkappe) in Betrieb nehmen. Was der Windmantel für Israels Panzer erreicht, soll Stahlkappe Israels Städten bieten. Laut Angaben des Militärs kann Stahlkappe Raketen und Granaten mit einer Reichweite zwischen 4-70 Kilometern abwehren. Die großen braunen Augen des hochgewachsenen Oberst werden ernst, wenn er seinen Auftrag erklärt: „Israel steht vor vielen neuen Herausforderungen“, sagt Tiloni im Exklusiv-Interview mit SPIEGEL ONLINE. Damit meint er Raketen “mit großer Reichweite und tödlicher Präzision – von der einfachen Kassam bis zu ballistischen Raketen. Sie bedrohen gleichzeitig unzählige Ziele im ganzen Land.“
Raketen sind heute die größte Gefahr für Israels Sicherheit. Von den USA zur Zurückhaltung gezwungen, blieb Jerusalem während des ersten Golfkriegs 1991 tatenlos, als der Irak 38 SCUD Raketen auf die Ballungszentren an der Mittelmeerküste abschoss. Die Erfahrung, dass selbst eine moderne Atommacht wie Israel trotz eindeutiger Übermacht auf dem konventionellen Schlachtfeld Raketenangriffen hilflos ausgeliefert ist, inspirierte Israels Feinde. Die radikal-islamische Hamas und andere palästinensische Terrorgruppen schossen seit dem Jahr 2000 aus dem Gazastreifen mehr als 9000 überwiegend selbst-gebaute Kassamraketen auf Israel. Im zweiten Libanonkrieg 2006 feuerte die Hisbollah in 34 Tagen mehr als 4000 Raketen, zwang eine Million Israelis zur Flucht in die Bunker und legte den Nordteil des Landes lahm. Zudem beschädigten Kämpfer der Hisbollah mit Panzerabwehrraketen 52 israelische Merkava Panzer und hielten so Israels Vormarsch auf, der den Raketenbeschuss hatte unterbinden sollen. Seit Kriegsende hat sich das Problem noch verschärft: Die Hisbollah stockte ihr Arsenal auf rund 50.000 Raketen auf – doppelt so viel wie vor dem Krieg. Auch die Hamas verschaffte sich inzwischen, vor allem zu Beginn der Unruhen in Ägypten, moderne Raketen und Panzerfäuste.
Israels Verwundbarkeit war Anstoß für die Entwicklung einer aktiven Abwehr, die den taktischen Vorteil gegenüber Guerillas zurückgewinnen soll. Zwanzig Jahre nach dem SCUD-Hagel auf Tel Aviv nimmt Israel endlich die selbst entwickelten Systeme in Betrieb. „Unser Abwehrsystem ist weltweit einzigartig“, sagt der hünenhafte Tiloni und beugt sich weit über den Holztisch in seinem Büro. Ein Funken von Begeisterung leuchtet in den Augen des 44 Jahre alten Tiloni, wenn er von den Fähigkeiten seines neuen Waffensystems spricht: „Eine Kassam fliegt schneller als 250 m/s. Da sie in Hinterhöfen hergestellt wird, ändert sich fortwährend ihre Geschwindigkeit, sie taumelt durch die Luft. Trotzdem berechnet Stahlkappe in Bruchteilen von Sekunden genau, wo sie niedergehen wird, und wie man sie abschießt“, sagt Tiloni im SPIEGEL ONLINE Interview. Laut Angaben von Elta, Hersteller des Radars vom Typ MMR (Multi Mission Radar), erfasst das System auch 155-mm Granaten. Droht ein Einschlag in einem Gebiet, das vorher als Schutzzone definiert wurde, feuert Stahlkappe eine Abwehrrakete vom Typ „Stunner“ ab. Alle Feldtests waren bisher erfolgreich: „Hätten wir dieses System 2006 gehabt, hätte der zweite Libanonkrieg anders ausgesehen“, sagt Tiloni.
Nicht jeder stimmt dieser Einschätzung zu: „Stahlkappe ist der größte Schwindel in Israels Geschichte“, sagt Reuven Pedazur, Sicherheitsforscher an der Universität Tel Aviv. „Bei einer Reichweite unter 16 Kilometer schlagen die Raketen viel zu schnell ein, um sie abzuschießen. Die Behauptung, Stahlkappe könne Israels Süden schützen, ist schlicht falsch.“ Dazu geselle sich ein Kostenargument: „Jede Stunner Rakete kostet rund 80.000 Euro, eine Kassam nur wenige hundert.“ Bei Mittelstreckenraketen wie der Fajr, von denen die Hisbollah tausende besitzt, sei die Diskrepanz noch größer: „Eine Fajr kostet rund 20.000 US-Dollar, die Abwehrrakete, die 2014 fertig sein soll, etwa zehn Mal so viel.“ Solch eine Abwehr gebe wirtschaftlich keinen Sinn, meint Pedazur, und fügt hinzu: „Das Arsenal der Hisbollah ist so groß, dass uns nach zwei Tagen die Abwehrraketen ausgehen werden.“ Der ehemalige Kampfpilot glaubt nur an die Offensive: „Der einzige Weg, um Raketenbeschuss zu stoppen, ist, das Gebiet zu erobern, aus dem sie abgeschossen werden.“
„Völliger Unsinn“, meint dazu Uzi Rubin, der ehemalige Direktor der israelischen Gesellschaft für Raketenverteidigung, der maßgeblich an der Entwicklung von Stahlkappe beteiligt war. Die veröffentlichten Preise bezögen sich auf den Export. „Israel kosten diese Raketen weniger“, sagt Rubin. Ein wichtiger Faktor sei die Fähigkeit des MMR, Flugbahnen genau zu berechnen: „Nur rund ein Viertel der Raketen trifft ihr Ziel. Wir brauchen deswegen nicht so viele Raketen wie die Hisbollah“, sagt Rubin.
Trotz der Euphorie ist man sich in Israel bewusst, dass jeder Vorsprung im Rüstungswettlauf nur von kurzer Dauer ist. Schon jetzt soll es eine Panzerfaust geben, die Trophy überlisten kann. Die russische RPG-30 hat zwei Sprengköpfe: einen ersten, um die Schutzwand aus Schrot zu durchbrechen, und einen zweiten, um den Panzer zu treffen. Auch Israels vielschichtige Raketenabwehr – in etwa drei Jahren wird sie aus mindestens fünf verschiedenen Systemen bestehen – ist nicht lückenlos: „Der Schutz wird nie absolut sein“, räumt selbst Tiloni ein. Deswegen entwickelt Israel bereits jetzt die nächste Generation von Trophy und Co. Zudem verlässt man sich nicht nur auf Hochtechnologie: „Sicherheit bietet nur ein Gesamtkonzept, in dem wir Abschreckung, ein Frühwarnsystem, passiven Schutz wie Bunker und die Fähigkeit, schnell anzugreifen, miteinander verbinden.“
Nur in einem Punkt sind Militärs und Forscher sich einig: „Wirkliche Sicherheit bietet nur ein dauerhafter Frieden“, sagt Tiloni, und sagt, dass er lieber Fußball spielen als Raketenbasen aufbauen würde.
© 2011 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
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