|
Hamas macht Tunnel dicht
Für eine Organisation, die seit Jahren für den freien Zugang zum Gazastreifen auch unter der Erde kämpft, war es ein unerwarteter Beschluss: In der Nacht zum Mittwoch wies das Innenministerium der radikal-islamischen Hamas die Betreiber aller Schmugglertunnel in Rafah an, das Grenzgebiet zu verlassen und ihre Tunnel zu schließen. Schätzungsweise 1000 Tunnel, die Gaza mit dem ägyptischen Rafah verbinden, sind die wichtigste Nachschublinie für den Landstrich, der seit der blutigen Machtübernahme der Hamas vor rund drei Jahren von Israel und Ägypten hermetisch abgeriegelt wird. Offizielle Sprecher dementierten gestern, dass eine solche Anweisung bestünde. Die Betreiber mehrerer Tunnel bestätigten sie aber im Gespräch mit unserer Zeitung. Noch ist unklar, wie lange die Tunnel geschlossen bleiben sollen. Quellen in der Hamas sprachen von einer „temporären Maßnahme“.
Am Tag zuvor hatte die israelische „Anti-Terror Behörde“ Israelis in einer „dringlichen Warnung“ aufgefordert, die Sinai Halbinsel „umgehend zu verlassen“. In roten Lettern erklärte sie auf ihrer Webseite, es gäbe „konkrete Hinweise“, dass eine Terrorzelle der Hamas plane, einen Israeli zu entführen und durch einen Tunnel in den Gazastreifen zu verschleppen. Noch vor wenigen Tagen hatten tausende Israelis ihre Osterferien im Sinai verbracht. Der scharfe Ton der neuen Warnung ließ gestern die meisten umdenken – rund 430 der etwa 550 Israelis im Sinai kehrten innerhalb weniger Stunden nach der neuen Warnung in ihr Land zurück. Sie berichteten von einer verstärkten Präsenz ägyptischer Sicherheitskräfte vor Ort.
Ägyptische Sprecher verwarfen die israelische Warnung, deren Absicht es sei, dem Tourismus im Sinai zu schaden. Trotzdem schien Kairo die Warnung ernst zu nehmen. Ägypten ließ den Grenzübergang in Rafah, Gazas einzige Verbindung zum arabischen Ausland, umgehend bis auf weiteres schließen. Danach soll Kairo die Hamas gezwungen haben, auch die Schließung der Tunnel anzuordnen.
Das Verhältnis zwischen Ägypten und der Hamas ist gespannt. Kairo wurde von den Islamisten wiederholt brüskiert. Sie haben die Vermittlungsbemühungen Kairos im Bruderkrieg mit der Fatah, der säkularen palästinensischen Widerstandsorganisation, oder in Gesprächen mit Israel immer scheitern lassen. Zudem ist die Hamas eine Tochterorganisation der Muslimbruderschaft, der wichtigsten Oppositionsbewegung im Land am Nil. Angesichts anstehender Wahlen gehen die Sicherheitsdienste immer härter gegen die Muslimbrüder vor. Zudem sieht sich Ägypten von islamischem Terror bedroht. Im Vorjahr flog eine Terrorzelle der libanesischen Hisbollahmiliz auf, die geplant hatte, Attentate im Sinai zu begehen und sich, durch Tunnel, in den Gazastreifen abzusetzen. Vor wenigen Wochen wurde ein Waffendepot mit Granaten und Flugabwehrraketen im Sinai entdeckt. Deswegen hat Kairo damit begonnen, in Rafah eine Metallmauer in den Boden zu treiben, um den Austausch zwischen Islamisten auf beiden Seiten der Grenze abzuschneiden.
Die Anweisung, die Tunnel vorübergehend zu schließen, hat aber auch konkrete Gründe. Eine weitere Eskalation könnte in einen neuen Krieg in Gaza münden. In den vergangenen Wochen kam es wiederholt zu Schusswechseln an der Grenze, Splittergruppen feuerten nach einem Jahr relativer Ruhe wieder Raketen auf Israel ab. In Jerusalem wurden Stimmen laut, die eine Eroberung Gazas verlangten. Die Entführung eines Israelis, so fürchtet Kairo, könnte das Fass zum überlaufen bringen. Diese Sorge scheint die Hamas zu teilen. Sie hat in den vergangenen Tagen wiederholt Aktivisten anderer Widerstandsgruppen verhaftet, um sie vom Abschuss von Raketen abzuhalten, und gab nun die Anweisung, die Tunnel zu schließen. Ein Versorgungsengpass scheint Gaza aber nicht zu drohen: „Die Regale sind voll. Hier ist niemand besorgt“, sagt Muhammad Dawas, ein Journalist aus Gaza, unserer Zeitung am Telefon. „Wenn sie die Tunnel bald wieder aufmachen, werden wir von all dem nichts merken.“
© 2010 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
|