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Ende oder Neuanfang?
Idan Ben Schaloms Dienstfahrzeug ist ein rostiges, klapperndes Fahrrad. Seine staubigen Schuhe und das zerknitterte Hemd, das er auch bei 40 Grad im Schatten halboffen über einem dicken weinroten T-Shirt trägt, lassen nicht erahnen, dass der wortkarge Israeli mit dem schüchternen Lächeln Teileigentümer eines Besitztums ist, das zig Millionen Euro wert ist. Ben Schalom ist Pressesprecher und einer der Verwalter des Kibbuz Deganiah B. Dieser Tage feiert Deganiah A, der erste Kibbuz der Welt, nebenan den hundertsten Jahrestag seiner Gründung, für Ben Schalom ein Grund zum Feiern. Aber wie viele der Genossen ist das Jubiläum auch Anlass, kritisch mit einer Bewegung Bilanz zu ziehen, die einst die Elite der Staatsführung stellte und heute zu einer Randerscheinung in Dauerkrise geworden ist: „Im Gegensatz zu dem, was oft behauptet wird, ist die Idee des Kibbuz nicht tot“, sagt Ben Schalom. „Aber wir sind erwachsen geworden, und viel hat sich verändert.“
Eine Mischung von Sozialismus und Zionismus trieb zehn junge Männer und zwei Frauen im Jahr 1910 dazu an, auf einem für teures Geld erstandenen sumpfigen Acker des arabischen Dorfes Beit Dschuni 1910 den ersten Kibbuz zu gründen. Sieben Jahre vor der Revolution im Zarenreich wollte man im rückschrittlichen Palästina die Utopie marxistischer Ideale verwirklichen. Die Kibbuzbewegung sah sich als ideologische Speerspitze, die dem Menschen eine bessere Zukunft bescheren sollte. Sie wollte einen „neuen Juden“ schaffen. Antireligiös und marxistisch, interpretierten die Kibbuzim ihr Judentum als Volkszugehörigkeit und predigten eine Religion der Arbeit. Nach 2000 Jahren Diaspora wollten die Kibbuzniks zur Scholle in ihrer biblischen Heimat zurückkehren. Der Arbeiter, auch der arabische, sollte befreit werden, und dazu schuf man die Kommune, in der den Einzelnen nicht einmal die Unterhose gehörte, die er anhatte: „Der Gemeinschaft alles, dem Individuum nichts“. Jeder sollte „nach seinen Fähigkeiten geben und nach seinen Bedürfnissen bekommen.“ Selbst die eigenen Kinder gehörten der Kommune und wurden im gemeinsamen Kinderhaus erzogen. Frauen waren gleichberechtigt, Jahrzehnte bevor sie in Europa das Wahlrecht erhielten. Die Versammlung fällte alle Entscheidungen.
Der Einfluss der Kibbuzim war enorm. Auf dem nahen Friedhof Kinneret, der am Rande der beiden Kibbuzim den See Genezareth überblickt, liegt ein Großteil der geistigen Elite Israels begraben. In den siebziger Jahren rekrutierte war ein Viertel der israelischen Regierung Mitglied eines Kibbuz. Viele der Premiers und Minister hatten zumindest für kurze Zeit in einem Kibbuz gelebt. Kibbuzniks führten die Ränge der Armee, und gründeten die Friedensbewegung. Führungspersönlichkeiten wie Verteidigungsminister Ehud Barak oder sein legendärer Vorgänger Mosche Dayan, Schriftsteller wie Amos Oz und Arthur Koestler, die Nationaldichterin Rahel oder die Komponistin Naomi Schemer – alle lebten zumindest zeitweise im Kibbuz.
Doch das ist Vergangenheit. In den achtziger Jahren, nach dem Machtverlust der Arbeiterpartei, kürzte der Staat die Zuwendungen, die Ideologie verblasste, junge Mitglieder suchten in der weiten Welt ihr Glück. „Nur drei Genossen aus meiner Klasse blieben in Deganiah“, sagt Ben Schalom. Die Bewegung stürzte in eine tiefe Krise, von der sie sich bis heute nicht erholt hat: „Früher hatten wir 420 Mitglieder, heute sind es nur noch 195, mit einem Durchschnittsalter von 63 Jahren.“ Deganiah fehlt die frühere Dynamik: „Seit dreißig Jahren wurde hier kein neues Haus gebaut“, sagt Ben Schalom, der mit seinen vier Kindern in einer 80 Quadratmeter großen Wohnung wohnt.
Die Krise erzwang den Wandel im sozialistischen Paradies. Die Mehrheit der Kibbuzim führten harte Reformen durch, um Defizite zu regeln. Mitglieder bezahlen heute selbst für Strom, Wasser und Lebensmittel und erhalten Gehalt im Verhältnis zu ihrer Arbeit. Viele Kibbuzim begrenzen Einkommensunterschiede jedoch auf 25%, niemand darf verarmen. Im ersten Kuhstall von Deganiah B, in dem vor 80 Jahren egalitäre Milch produziert wurde, ist an eine Pralinenfabrik vermietet. Die verbleibenden Kuhställe und die Dattel- und Bananenplantagen, auf denen einst „hebräische Arbeit“ gepredigt wurde, beschäftigen dreizehn thailändische Gastarbeiter. Viele Kibbuzim haben der Landarbeit den Rücken gekehrt und errichteten stattdessen Fabriken und Hotels. Deganiah Silicone stellt medizinische Artikel her, beschäftigt 300 Angestellte, nur wenige davon Mitglieder des Kibbuz: „Ich habe fünf Stellen zu vergeben, aber kein Kibbuznik will arbeiten. Es geht ihnen auch so gut“, sagt Ben Schalom. Längst schlafen die Kinder bei ihren Eltern, der gemeinsame Speisesaal ist nur noch selten voll.
Die idyllische kommunale Lebensform mag sich stark verändert haben. Trotzdem wäre es für eine Grabesrede zu früh. Laut Angaben der Kibbuzbewegung sind in den vergangenen zwei Jahren 2500 neue Mitglieder beigetreten. Junge Israelis zieht der hohe Lebensstandard in die entlegenen, grünen Dörfer, in denen keine Autos fahren und Kinder und Hunde unbekümmert bis spät in die Nacht draußen spielen. Kibbuzim werden zu Immobilienkonzernen, auf deren Ländereien Villen für wohlhabende Yuppies entstehen, die ihre Kinder in die ausgezeichneten Kibbuzschulen und am Nachmittag auf die Kibbuzeigenen Sportplätze und Schwimmbäder schicken.
Doch in wohlhabenden Kibbuzim wie Deganiah ist es fast unmöglich geworden, Mitglied zu werden, aber weil Anwärter in schweren ideologischen Prüfungen durchfallen: „Uns Genossen gehört der Gesamtbesitz gemeinsam. Jeder, der hier aufgenommen würde, würde auf dem Papier sofort zum Multimillionär“, sagt Ben Schalom. „Das müssen wir uns erst einmal gut überlegen.“ Mit den sozialistischen Idealen der zwölf Pioniere hat das freilich nur noch wenig zu tun.
© 2010 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
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