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Die Schönen und die Biester
Mit ihren etwa 165 cm Höhe ist Inbar Sagi im Durchschnitt zwei Köpfe kleiner als die meisten muskulösen Verbrecher, die ihr stramm gegenüber stehen. Als sie noch Zivilistin war, hätte diese 20 Jahre alte junge Dame mit langem, blonden Haar, frechen blauen Augen wahrscheinlich alles getan, um diese Gruppe zwielichtiger Gestalten zu meiden. Aber nach drei Monaten Grundausbildung hat diese attraktive junge Dame eine enge Verbindung zu den Männern aufgebaut, die einst auf dem besten Weg waren, Schwerverbrecher zu werden. Sagi leistet ihren Wehrdienst in „Havat Haschomer“ ab, ein Ort, der sich selbst weniger als Kaserne sondern lieber als Festung im Kampf um soziale Gerechtigkeit sieht. In dem ehemals sozialistischen Staat, der sein Sozialsystem immer mehr einschränkt und in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, ist Havat Haschomer ein Zufluchtsort für kriminelle oder sozial schwache junge Männer geworden.
„Manchmal macht mir dieser Job Angst“, sagt Sagi, aber nicht aus dem Grund, den man annehmen mag: „Ich mache mir Sorgen weil ich weiß, dass dieser Ort für viele die letzte Chance auf ein besseres Leben ist und es von mir abhängt, ob sie sie nutzen.“ Wie Sagi besteht der Offizierskader aus Frauen im Alter von 18-22 Jahren. „Fast alle unsere Offiziere sind weiblich“, sagt Oberstleutnant Ras Karni, seit vier Jahren der Kommandant von Havat Haschomer. „Die Männer fühlen sich von ihnen nicht bedroht, müssen sich nicht beweisen. So können wir bereits im Vorfeld Gewalt verhindern.“ Die Offiziere in Havat Hashomer haben sich alle freiwillig gemeldet: „Ich wollte hier dienen, weil ich gern hart arbeite und weil ich etwas tun möchte, dass meinem Wehrdienst Sinn verleiht“, sagt Sagi.
Harte Arbeit gibt es genug: „Jeder Tag ist ein Kampf. Allein die Rekruten dazu zu bringen, morgens aufzustehen, ist eine Herausforderung. Aber man darf nicht aufgeben, und ich gebe nie nach“, sagt Sagi. Beharrlich stachelte sie jeden Morgen um fünf die müden Männer in ihren Betten an: „Aufstehen, aufstehen!“ sie sorgte dafür, dass die Männer sich ordentlich anziehen und Spalier standen. Immer wieder wurde sie dafür verflucht, andere ignorierten sie einfach. Soldaten drohten ihr, oder machten anzügliche Bemerkungen. „Man darf das nicht persönlich nehmen. Aber als ich das erste Mal eine Kompanie ausbildete, weinte ich drei Monate lang jeden Tag. Jetzt habe ich gelernt, auf diese Soldaten zu vertrauen. Das gibt ihnen viel Kraft“, sagt Sagi.
Ihr Vorgesetzter Karni dient bereits seit mehr als zwanzig Jahren in der Armee. Er hat schon so manches blutige Gefecht überlebt. Er kämpfte in zwei Intifadas, und verlor Kameraden in Einsätzen gegen die Hisbollah im Zweiten Libanonkrieg. Aber seine heutige Aufgabe bezeichnet er als „die wichtigste Schlacht meines Lebens“. Der athletische Soldat mit den stahlblauen Augen erweckt anfangs nicht den Eindruck eines einfühlsamen Sozialarbeiters. Als Sohn des Kommandeurs einer prestigeträchtigen Kampfeinheit scheint er eher für eine Karriere auf dem Schlachtfeld bestimmt zu sein. Aber nachdem Karni ins Erziehungscorps der Armee versetzt wurde, entdeckte er eine neue Front: „Ich machte Hausbesuche bei meinen Soldaten und sah erstmals Israels Hinterhof. Ich war schockiert“, sagt Karni. „Wir sind einer von nur fünf Staaten, die eigene Satelliten ins Weltall schießen, aber fünf Fahrtminuten von jedem Ort in Israel entfernt wohnt ein Kind das nichts zu essen hat.“ Laut offiziellen Erhebungen lebt jedes dritte Kind in Israel unterhalb der Armutsgrenze.
Gäbe es nicht Havat Haschomer, würden viele der rund 120 Rekruten nicht im Gleichschritt zum Mittagessen sondern zum nächsten Tatort marschieren. Ginge es nach kostenbewussten Politikern, würden sie gar nicht eingezogen: „Die Armee braucht diese Männer nicht“, sagt Karni. Etwa 70% seiner Rekruten sind vorbestraft: „Viele von ihnen waren für die Mafia tätig. Ich muss schon zugeben, dass ich nicht immer gut schlafe, nachdem wir ihnen Waffen ausgehändigt haben“, sagt Karni und schmunzelt. Rund ein Drittel der Männer in „Havat Hashomer“ hat schwere wirtschaftliche oder psychologische Probleme: „Arm zu sein hat nur bedingt mit dem Geld zu tun, über das man verfügt. Armut ist ein Geisteszustand“, sagt Karni. „Wenn man einen normalen Teenager fragt, was seine Pläne sind, wird er von seinen Lebensträumen erzählen. Bei armen Menschen hat man schon Glück, wenn sie wissen, was sie nächste Stunde anfangen wollen.“
Elior Sikvaschwilis hatte sich mit einem aussichtslosen Alltag abgefunden: „Meine Eltern ließen sich scheiden als ich noch klein war. Meine Mutter brachte unsere Familie allein durch“, sagt er. Sie zog nach Jaffa, einem verarmten, mehrheitlich arabischen Stadtteil Tel Avivs: „Ich knackte Autos und rauchte Drogen. Wir kannten die Polizeistation recht gut“, sagt Sikvaschwili mit einem trockenen Lächeln. Der 19 Jahre alte Rekrut wollte nicht zur Armee: „Die meisten meiner Freunde waren Araber, und deswegen nicht sehr gut auf die Armee zu sprechen. Ich ging auch nie zur Schule. Wofür auch?“ In Havat Hashomer wurde Sikvaschwili fast vom Dienst entlassen: „Ich hatte zu viele Klassen verpasst. Ich saß im Gefängnis, weil ich morgens nicht zum Appell aufstand und andere schlug.“
Doch Karni bestand darauf, Sikvaschwili noch eine Chance zu geben: „Wir haben hier ein Motto: „Dank des Glaubens an den Menschen“. Dazu stehe ich“, sagt Karni. „Die meisten Rekruten hier haben in ihrem Leben nie etwas vollendet – bis sie zu uns kommen.“ Sikvaschwili wurde dem Stabsfeldwebel persönlich unterstellt, und verwandelte sich: „Die Menschen hier gaben mir das Gefühl, dass sie wirklich an mich glauben“, sagt Sikvaschwili. „Das war eine neue Erfahrung für mich. Sie sind bereit, alles für mich zu tun. Niemand war jemals so für mich da.“ Heute hat Sikvaschwili zwei Wünsche:“Ich will so werden wie meine Vorgesetzten, und ich will Abitur machen.“
Karni stehen für seine Aufgabe nur wenig Mittel zur Verfügung. Eines davon ist ein besonderes Lagerhaus, aus dem er unbürokratisch die notwendigsten Güter aushändigen kann: „Wir versuchen sicherzustellen, dass unsere Soldaten was zu essen haben, wenn wir sie am Wochenende heimschicken. Viele machen sonst absichtlich Probleme, um hier nicht weggehen zu müssen.“ Im Gegensatz zum Rest der Armee wird Havat Hashomer von einer besonderen Philosophie geleitet: „In den meisten Armeen dieser Welt glaubt man, dass man zuerst den Zivilisten brechen muss, um aus ihm einen Soldat zu formen“, sagt Karni. „Aber meine Rekruten sind schon völlig zerbrochen, wenn sie herkommen. Sie brauchen Wärme und Unterstützung. Beim Eröffnungsgespräch sage ich ihnen, dass ich sie liebe, und ich meine das auch.“ Die Soldaten haben gelernt, dass Karni mehr ist als nur ein Vorgesetzter. Als ein Soldat desertierte, besuchte Karni sein Haus, statt die Militärpolizei auf ihn anzusetzen. Karni war schockiert: „Er wohnte bei seinen Eltern. Der Vater war ein Alkoholiker, der Müll von der Straße aufsammelte. Die Mutter schwer behindert und konnte sich nicht selbst versorgen. Ratten lebten im Wohnzimmer, dass voll war mit Monate altem Abfall. Der Gestank war unbeschreiblich.“ Die Offiziere organisierten eine Sonderaktion, um die Wohnung auszuräumen und neu zu streichen. Karni schaltete die Sozialhilfe ein. Nun schließt der Soldat seine Grundausbildung ab. In der Armee soll er einen richtigen Beruf lernen. Aber nicht alles ist nur watteweiche Liebe: „Diese jungen Männer sind manchmal außer Rand und Band. Sie brauchen auch Grenzen.“ Die setzt Karni entschlossen. Viele seiner Schützlinge verbringen Zeit im Gefängnis.
Sein wichtigstes Hilfsmittel sind die Offiziere: „Sie sind die eigentlichen Helden hier“, sagt Karni. Wie Sagi kommen die meisten Offiziere aus wohlhabenden Familien in grünen Vororten. Der Unterschied zu ihren Rekruten könnte kaum größer sein. Doch nach wochenlangen Diskussionen, Drohungen und schwerer Arbeit kommt es zu einer einzigartigen Verbindung zwischen den Töchtern der israelischen Elite und den Kriminellen sozialer Randgruppen. Die jungen Frauen, die sich in Zivil vor solchen Männern fürchteten, entdecken Mitgefühl und Verständnis für ihre Rekruten. Im Gegenzug erhalten sie Respekt und Disziplin: „Heute würde ich alles für meine Offiziere tun. Was immer ich tue, habe ich sie vor Augen“, sagt Sikvaschwili. Seine zweite Grundausbildung hat er als Mustersoldat seiner Kompanie bestanden. „Mehr als 70% der Männer und 90% der Frauen, die im Rahmen dieses Sonderprogramms eingezogen werden, leisten ihren vollen Wehrdienst ab“, sagt Major Rinat Adler, die die zuständige Abteilung im Erziehungscorps leitet.
Aber nicht nur die israelische Armee soll Nutzen ziehen: „Wir haben eine nationale Aufgabe“, sagt Karni. „Jeder siebte Soldat hier hat kein Abitur. Bei uns erhalten sie die Gelegenheit, während ihres Wehrdienstes einen Schulabschluss zu machen und einen Beruf zu erlernen, mit dem sie später einen Lebensunterhalt verdienen können“, sagt Adler. Aus Straftätern werden so Mechaniker, Sekretärinnen und Elektriker. Sagi brüstet sich mit einem ganz anderen Erfolg, der manchen nebensächlich erscheinen mag: „Einer meiner Soldaten rauchte zwei Päckchen am Tag, als er herkam. Ich hab ihn auf acht Zigaretten runtergebracht“, sagt sie. Für manche Soldaten ändert sich sogar das Leben in Zivil: „Früher, als ich mein Haus verließ, hat meine Mutter sich Sorgen gemacht und mich 40 Mal am Tag angerufen“, sagt Sikvaschwili. „Jetzt macht sie das nicht mehr. Sie weiß, dass bei mir endlich alles wieder im Lot ist.“
© 2010 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
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