|
Freispruch für Folter
In einer Nacht im Jahr 2004 hatte Scheich Issah bin Sayed al Nachajan sichtlich Spaß. Der Bruder des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate hatte mehrere seiner Angestellten und eine Videokamera mit in die Wüste gebracht, um dem afghanischen Getreidehändel Muhammad Shah Pur eine Sonderbehandlung angedeihen zu lassen. 45 Minuten lang wurde Pur vor laufender Kamera einer regelrechten Folter unterzogen. Gestern (Montag) wurde das Mitglied der Herrscherfamilie von einem Gericht in Abu Dhabi jeder Schuld freigesprochen.
„Die Richter haben bestätigt, dass Nachajan für seine Taten nicht verantwortlich war, da er Medikamente erhalten hat“, sagte dessen Anwalt Habib al-Mullah. Ferner versuchte al-Mullah, das Video in ein fragliches Licht zu stellen. Es war im April dieses Jahr von Ghassan Nabulsi, einem ehemaligen Geschäftspartner Nachajans, amerikanischen Medien zugespielt worden. Nabulsi habe den Bruder des Präsidenten mit Drogen unzurechnungsfähig gemacht und das Video drehen lassen, um ihn zu erpressen, sagte al-Mullah. Nabulsi streitet das ab. Er hatte das Video im April amerikanischen Sendern übergeben. „Nachdem ich mich mit Nachajan wegen der Folter des Afghanen überworfen hatte, war das Video der einzige Garant für mein Überleben“, sagte er dem Fernsehsender CNN. Nabulsi behauptet, selber Opfer von Folter in einem Gefängnis in Abu Dhabi geworden zu sein. Er ist seither in die USA geflüchtet und verklagt hier den Bruder des Präsidenten vor einem Gericht in Houston.
Nachajan erscheint auf dem Video durchaus als sei er Herr des Geschehens. Hier sieht man wie Nachajan, der den Händler bezichtigte, ihm um 5000 US$ betrogen zu haben, Pur mit einer mit Nägeln beschlagenen Holzplanke schlägt, Elektroschocks an dessen Genitalien anwendet, Salz in die blutenden Wunden streut, mit Hilfe eines Polizisten Sand in den Mund des fast ohnmächtigen Opfers stopft und zu guter Letzt Pur mit seinem Mercedesgeländewagen mehrmals über die Beine fährt. Nachajan ist auf dem Video klar sichtbar, und fordert den Kameramann mehrmals dazu auf, näher zu kommen um bessere Aufnahmen zu machen.
Seit Bekanntwerden der Ereignisse sind die Behörden in Abu Dhabi darum bemüht, die Affäre zu vertuschen. Die Polizei habe sich bei den Ermittlungen der Tat vollkommen an geltende Bestimmungen und Regulationen gehalten, hieß es aus dem Innenministerium. Nachajans Vorgehensweise sei zwar unakzeptabel, sei jedoch nicht Teil eines Verhaltensmusters. Mehrere Mitarbeiter der königlichen Farm, die beim Akt der Folter anwesend waren, wurden zu Bußstrafen in der Höhe von rund 2000 Euro und Haftstrafen bis zu drei Jahren verurteilt. Nachajan hingegen geht jetzt straffrei aus. „Die Angelegenheiten wurden intern zwischen den Beteiligten geregelt. Beide Seiten haben sich darauf geeinigt, keine Anklage vorzubringen“, kommentierte das Innenministerium Abu Dhabis Anfragen der amerikanischen Presse.
© 2009 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable |