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Das letzte Tabu
„Zugegeben – Richard Wagner war ein abscheulicher Mensch“, sagt Jonathan Livni. „Aber Gott hat ihn mit dem Talent begnadet, einzigartige Musik zu schreiben.“ Im vergangenen Jahr ist der Jerusalemer Rechtsanwalt sechs Mal ins Ausland gereist, nur um Wagners Musik zu hören. Das soll jetzt ein Ende haben. Livni hat einen Wagner-Verein gegründet, der dafür sorgen soll, dass die Musik Wagners, bisher in Israel ein Tabu, im Judenstaat wieder offiziell gespielt werden kann. Livnis Gegner hingegen sind entschlossen, den Bann gegen die Musik des antisemitischen Komponisten aufrecht zu erhalten: „Wagner in Israel – nur über meine Leiche“, sagt Uri Hanoch, Holocaustüberlebender und Mitglied im Beirat der Oper in Tel Aviv.
Das letzte Mal wurde Wagner in Palästina vor der Reichspogromnacht 1938 gespielt. Seither ist der Lieblingskomponist Adolf Hitlers in Israel verpönt. Anfangs war die Ächtung Wagners nur ein Teil eines umfassenden freiwilligen Boykotts, in dessen Rahmen deutsche Waren als Vergeltung für den Völkermord der Nazis gemieden wurden. „Früher galt jeder hier im Land, der Mercedes fuhr, als Verräter“, erinnert sich der 83 Jahre alte Hanoch. „Heute ist es modisch, einen Wagen aus Stuttgart zu fahren.“ Längst gehört der Boykott deutscher Waren zur Vergangenheit: Die Lufthansa ist die größte ausländische Fluggesellschaft im Land, Berlin eines der beliebtesten Reiseziele Israelis jeder Couleur. Auch Komponisten, die mit den Nazis kollaborierten, wurden in Israel wieder „rehabilitiert“: Werke von Richard Strauss, Leiter der Reichsmusikkammer, sind wieder auf dem Spielplan israelischer Orchester zu finden. Nicht jedoch Wagner: „Wagner ist eine andere Liga, er ist ein Symbol“, sagt Hanoch, der für seine Arbeit mit deutschen Jugendlichen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Versuche, ihn in Israel aufzuführen, wie im Jahr 2001 durch den Dirigenten Daniel Barenboim, haben hier Aufruhr ausgelöst.
Livni ist davon überzeugt, dass man „zwischen dem Komponisten als Person und seinen Werken unterscheiden muss“. „Warum spielen wir Chopin, der ebenfalls ein virulenter Antisemit war, wie so viele Musiker des 19. Jahrhunderts? Einzig Wagner ist als Symbol übriggeblieben. Das müssen wir ändern. Wie kann man Gustav Mahlers Arbeit verstehen, wenn man nie Wagner gehört hat?“, fragt Livni. Mehr als 100 Israelis sind innerhalb einer Woche seinem neuen Verein beigetreten, der sich zum Ziel gesetzt hat, ein Wagner-Symposium abzuhalten und Wagners Werke zu spielen. „Ich habe hauptsächlich positive Reaktionen bekommen, auch aus dem Ausland bietet man mir Hilfe“, sagt Livni. Aber er erhält auch Schmäh- und Drohbriefe. Livni lässt äußerste Vorsicht walten „damit mein Vorhaben nicht zu Fall gebracht werden kann“. Das Konzert soll nicht im Rahmen eines Abonnements stattfinden, Musiker müssen sich freiwillig melden, den Raum soll mit Spenden angemietet werden.
Livni muss nicht weit gehen, um Gegner seines Vorhabens zu finden. Im Raum nebenan arbeitet sein langjähriger Partner Mosche Pardes: „Jonathan begeht einen gravierenden Fehler“, sagt der ultra-orthodoxe Rechtsanwalt. „Es ist nationale Selbsterniedrigung. Wir sind 65 Jahre ohne ihn ausgekommen. Es gibt genug andere Komponisten“, meint Pardes.
Rechtsanwalt Jacob Westschneider, der freiwillig den Verein der Holocaustüberlebenden vertritt, hat sich dem Kampf gegen Wagners Musik verschrieben. Für den Sohn von Schoa-Überlebenden ist der deutsche Komponist die Inkarnation des Bösen: „In seiner Broschüre „Das Judenthum in der Musik“ forderte Wagner den „Untergang“ der Juden. Er war der Wegbereiter für die Vernichtungsideologie der Nazis. Und jetzt setzen sich Juden für ihn ein? Absurd!“ Westschneider konnte mehrmals verhindern, dass Wagner auf israelischen Bühnen oder im Radio gespielt wird. „Ausgerechnet wir müssen einen Komponisten für koscher erklären, dessen Kompositionen hunderttausende Juden auf ihrem letzten Weg zur Gaskammer hörten?“, sagt Westschneider und wiederholt einen Mythos, der in Israel weit verbreitet ist. „Livni kann Wagner zuhause hören, so viel er will. Aber einen Verein, der sich für öffentliche Auftritte einsetzt, sollte verboten werden.“
„Wagner wurde in den KZs nie gespielt“, erwidert Livni, dessen Vater ebenfalls knapp den Nazis entronnen ist. „Ihn zu boykottieren war von Anfang an ein Fehler, wie jeder Boykott ein Fehler ist. Es ist an der Zeit, unsere nationalen Mythen zu überprüfen. Wenn die Ächtung Wagners die einzige Lehre und der einzige Konsens aus dem Holocaust bleibt, dann ist es um uns sehr schlecht bestellt“, sagt Livni.
© 2010 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
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