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Der nächste Vortrag
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Written by Gil Yaron   
Thursday, 08 April 2010
90 Jahre Keren Hayesod

Die Drähte, die aus dem Kofferraum hingen, erregten Verdacht. Dabei war der Fahrer des grünen Fords mit den Insignien der US-Botschaft in Palästina ein bekannter Gast. Haim Gur Arieh, Soldat der Haganah, dem Vorläufer der israelischen Armee, wollte aber kein Risiko eingehen. Sein Schutzobjekt, der nüchterne Bau der „Nationalen Einrichtungen“, stand hinter einem drei Meter hohen Zaun und galt als eines der am besten bewachten Gebäude im jüdischen Westjerusalem der vierziger Jahre. Rund um den ovalen Innenhof residierten die wichtigsten Einrichtungen der zionistischen Organisation (ZO), die schon bald Regierung und Verwaltung des neu gegründeten Staates Israels stellen sollte. Die „Jewish Agency“, die de facto Regierung der Juden in Palästina, und das Hauptquartier der Haganah befanden sich in dem Flügel des Gebäudes, vor dem der Wagen parkte.
 
Gur Arieh setzte sich hinters Lenkrad, löste die Handbremse und rollte mit dem Botschaftswagen auf die andere Seite des Hofes, bis er vor den Büroräumen des Keren Hajesod zum Stillstand kam. Er sollte den Wagen nicht lebendig verlassen. Punkt um 9:45 Uhr schloss der lange Zeiger einer goldenen Taschenuhr den Stromkreis, den Fausi Kutub, Bombenbauer des palästinensischen Widerstands, gebastelt hatte. Ein Sprengsatz mit 220 Kilo TNT riss Gur Arieh am 11. März 1948 in Stücke, Bruchteile von Sekunden später waren elf weitere Angestellte des Keren Hajesod tot, unter anderem der erste Generaldirektor der Organisation, Leib Jaffe. Es war eines der schwersten Attentate im Jerusalem der vierziger Jahre. Es ereignete sich nicht nur im prestigeträchtigen Nervenzentrum der ZO. Der Anschlag traf mit Keren Hayesod (KH) eine ihrer wichtigsten Einrichtungen, ohne die der Staat Israels gar nicht denkbar gewesen wäre.
 
Von Anfang an hatte sich der Gründervater der zionistischen Bewegung Theodor Herzl mit den kleinsten Details seines nationalen Projekts auseinandergesetzt. Die geplante Übersiedlung von Millionen Juden aus aller Welt in ihr neues Vaterland stellte eine gewaltige logistische und finanzielle Herausforderung dar. Nachdem sein Versuch, reiche jüdische Familien für seine Idee einzunehmen, gescheitert war, formulierte er Ende des 19. Jahrhunderts den Gedanken einer in Großbritannien amtlich zugelassene Gesellschaft. Sie sollte bei der Auswanderung von Juden als „Mittelbank“ fungieren, in der alten Heimat Geld entgegennehmen und in der Neuen ausschütten, Regierungen für den Verlust an Steuergeldern abgewanderter Bürger entschädigen und als Treuhand für die Unternehmen dienen, die die Juden zurückließen. 
 
Die Umsetzung dieses Teils von Herzls Vision musste rund 20 Jahre warten. Anfangs agierte noch der Erlösungsfonds,  „Keren Geula“, der in der ganzen Welt sporadisch Geld für die Projekte in Palästina sammelte. Erst sechzehn Jahre nach Herzls Tod dachte die ZO um. Als sie am 22. Oktober 1920 in London den Keren Hayesod (KH), den Palästina Aufbaufonds, als finanziellen Arm gründete, wollte sie sich nicht mehr nur auf Spenden stützen. In Anlehnung an den biblischen Zehnt, der an den Tempel entrichtet wurde, sollten Juden sich freiwillig eine „Aufbausteuer“ auferlegen. Schließlich waren die Herausforderungen gewaltig: „Wir müssen Land aufkaufen und vorbereiten, Straßen, Schienen, Häfen und Brücken bauen, Berge aufforsten, Sümpfe austrocknen und fruchtbares Land bewässern“, hieß es im Manifest des KH vom 23. Dezember 1920. „Städte müssen entworfen, Handwerk und Industrien entwickelt werden“, steht hier ferner. All dies mit dem Ziel, Juden „in Palästina anzusiedeln und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zum Vorteil seiner jüdischen und nicht-jüdischen Bewohner im gleichen Maße voranzutreiben.“
 
Die Idee der freiwilligen Steuer musste bald aufgegeben werden, ebenso wie die Kooperation mit der Keren Kayemet, der Einrichtung, die sich vor allem um die Aufforstung Israels kümmert. Die beiden wichtigsten Spendensammler des Staates Israel stehen heute im Konkurrenzverhältnis. Trotzdem wurde der KH als zentrales Organ zur Erfolgsstory. Als Kutubs Ford vor dem Gebäude des KH explodierte, hatte dieser bereits die Gründung von 257 Dörfern, Kibbuzim und Moschavim mitfinanziert, bei der Aufnahme hunderttausender Flüchtlinge geholfen und die Grundlagen für Israels moderne Wirtschaft gelegt. Musterfirmen wie El Al, die Elektrizitätswerke, die Salzwerke am Toten Meer oder die Schifffahrtsgesellschaft ZIM, Banken und Krankenhäuser hätten ohne den finanziellen Rückhalt des KH kaum entstehen können. Der KH setzte sich auch für das kulturelle Leben in Israel ein: das Nationaltheater Habima oder die Philharmoniker verdanken ihre Existenz dem KH. Im Jahr 1956 wurde der KH zur staatlichen Dachorganisation für die Sammlung von Spenden im Ausland erklärt. Er half bei der Integration von rund drei Million Einwanderern. Ganze Städte, wie Sderot oder Dimona, wurden mit seinen Darlehen errichtet.

Inzwischen hat Israel sich entwickelt. Heuer feiert der KH seinen 90. Geburtstag. Seine Aufgaben haben sich verändert. Spenden für KH machen inzwischen weniger als 0,5% des Staatshaushaltes aus. Trotzdem leistet er immer noch wichtige Arbeit: In den vergangenen Jahren renovierte er 2000 Bunker in bedrohten Grenzstädten, finanzierte Förderungsprogramme für mehr als 350.000 Kinder und half bei der Sanierung von 90 maroden Stadtvierteln. Der KH sieht sich inzwischen als Brücke zwischen dem Staat der Juden und der Diaspora. Die Spendengelder kommen nicht mehr nur den Bewohnern aus der benachteiligten Peripherie zugute. Der KH brachte bereits mehr als 190.000 Jugendliche auf Besuche nach Israel, um ihre Bindung ans Land und ihre jüdische Identität zu stärken, und unterstützt die jüdische Erziehung in Gemeindezentren weltweit.

Stolz verweist man auf zahlreiche Projekte im Land, die dabei helfen sollen, Israel zu einer gerechteren und egalitären Gesellschaft zu machen. Diese Vision hat im KH Tradition. Nur wenige Stunden nach dem Attentat auf das Gebäude des KH, um Punkt 13:00 Uhr, erschienen zwei jüdische Angestellte zu ihrem verabredeten Treffen mit Colonel Roscher Lund, einem norwegischen Diplomaten, der sich im Auftrag der UN in Jerusalem befand. Sie waren im Anschlag verletzt worden. Vivian Herzog trug noch das staubiges Hemd, auf dem die Blutflecken seiner verletzten Frau zu sehen waren. Reuven Schiloahs Kopf war ganz bandagiert. Er trank seinen Sherry mit einem Strohhalm durch die kleine Öffnung, die die Ärzte im Verband gelassen hatten. Von ihrer Mission durchdrungen, erzählten sie dem Gesandten von ihren Träumen vom zukünftigen Staat Israel. Lund war von den Ereignissen zutiefst erschüttert und von den Gesandten des KH beeindruckt: „Mein Gott“, stammelte er:“Niemand wird ein Volk wie das Ihre aufhalten können!“

© 2010 Gil Yaron - Making the Middle East Understandable
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